Sujet: Stefan Eibelwimmer
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Die Wahrheit

Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen

Deutsch von Annette und Paul Bäcker
mit Lisa Fuchs, Matthias Hack , Stefan Lasko , Lisa Schrammel
Regie: Ioan C. Toma
Ausstattung: Magdalena Gut
Lichtgestaltung: Ingo Kelp
Musik: Armin Lehner
Dramaturgie: Sigrid Blauensteiner
Premiere: 23.01.2014 Saal

Michel hat seit einem halben Jahr eine leidenschaftliche Affäre mit Alice. Sie ist die Frau seines besten Freundes Paul und auch Michel ist eigentlich glücklich verheiratet. Ein schlechtes Gewissen hält Michel dennoch für überflüssig. Aus Liebe zu den Ehepartnern müsse man sie bloß vor der Wahrheit verschonen. Alice ist sich da nicht so sicher. Vor allem jetzt, da Paul arbeitslos ist, belasten die ständigen Lügen ihr Gewissen und sie will endlich reinen Tisch machen. Michel hält das für falsch: „Gut, einverstanden, du betrügst deinen Mann. Aber, Alice, das tust du für ihn. Aus Respekt für ihn. Es wäre egoistisch, ihm die Wahrheit zu sagen, nur um dein Gewissen zu erleichtern.“ 

Als Michel und Paul sich wieder einmal zum Tennis treffen, erwähnt Paul seinen Verdacht, Alice würde ihn seit Monaten betrügen. Michel fährt daraufhin zu Alice in die Praxis, um ihr davon zu erzählen, und muss erfahren, dass Alice ihrem Mann längst alles gebeichtet hat. Hat ihn also sein bester Freund angelogen? Auch Alice hat ihm offenbar nicht die ganze Wahrheit gesagt. Und wie steht es mit Michels Ehefrau Laurence? Michel, der Meister der geschliffenen Ausrede, muss erkennen, dass auch die anderen einen lockeren Umgang mit der Wahrheit pflegen und ihm durchaus ebenbürtige Partner im Spiel der Lügen und Täuschungen sind.

Der junge Pariser Schriftsteller Florian Zeller, einer der stärksten französischen Bühnenautoren seiner Generation, hat eine hinreißende, raffinierte Komödie über Lügen, Affären und Scheinmoral geschrieben, deren rasante Wendungen und überraschende Volten nicht nur den empörten Protagonisten in Atem halten. Trotzdem lässt das Stück die moralische Frage nach der Wahrheit offen. Ob es besser ist, ehrlich zu bleiben oder ob Michel doch Recht hat: „Wenn die Leute von heute auf morgen aufhören würden, sich zu belügen, gäbe es kein einziges Paar mehr auf Erden. Und in gewisser Hinsicht wäre das das Ende der Zivilisation.“

Fotos

Sujet: Stefan Eibelwimmer
© Christian Herzenberger
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Trailer

Pressestimmen

Wer hat eigentlich mit wem oder vielleicht ja doch nicht?

Silvia Nagl, OÖN, 25.01.2014

Raffiniert gebautes Stück „Die Wahrheit" bedeutet Vergnügen von der ersten bis zur letzten Minute im Linzer Theater Phönix

Vom schadenfreudigen „Hähä“ über das überraschte „Hoho" bis hin zum entrüsteten He!" oder kichernden Hihi" - sämtliche Fäcetten und Färbungen an Lachanfällen waren zu hören bei der Premiere des Stückes „Die Wahrheit" im Theater Phönix. Der Franzose Florian Zeller (Jahrgang 1979) hat mit witzigen Dialogen ein intelligent und raffiniert aufgebautes Konstrukt verfasst: Der mit Laurence verheiratete Michel hat seit Monaten eine Affäre mit Alice, die wiederum die Ehefrau von Michels bestem Freund Paul ist. Soweit alles klar? Ja? Gut so. Denn von der ersten Minute an wird die ganze vergnügliche Chose um Bettgeschichten und Lügengebäude immer vertrackter: Wer weiß was? Oder doch nicht? Oder glaubt zu wissen, dass der andere mehr weiß, als der tatsächlich zu wissen meint?

Matthias Hack als Michel ist schlichtweg zum Zerkugeln als testosteronüberschießender Lover und sich im eigenen Ausreden- und Alibisuchnetz immer mehr verstrickender Lügenbaron. Und am allerschönsten ist es, wenn er sich so richtig entrüsten kann über die anderen.

Lisa Fuchs (Laurence) ist ein brillantes falsches Luder. Stefan Lasko (Paul) ist, wenn schon kein Großstadt-, dann zumindest ein Landeshauptstadtneurotiker à la Woody Allen. Lisa Schrammel (Alice) ist eine toughe und sexy Verführerin.

Die vier Darsteller werden von Regisseur Ioan C. Toma in perfektem Timing und exakter Charakterformung geführt. Er zeigt eine flotte Inszenierung in Pingpong-Manier wie bei einem spannenden Tennismatch, bei dem es manchmal aber auch ein verblüffendes „plopp" gibt. Ja, und vielen Dank für die herrlich gelungene Duschszene der beiden Herren!

Magdalena Gut hat passenderweise ein übergroßes Bett in den kleinen Balkon-Raum gestellt, in dem sich alles abspielt. Dahinter steht eine hübsche Lichtskulptur aus dem Wort „Verité" (Wahrheit), mit der es in diesem Stück ja nicht so genau genommen wird, deshalb leuchtet davon auch meist nur ein Buchstabe auf.

Rundum geglückte und höchst amüsante eineinhalb Stunden: Aufschlag, Satz, Sieg! Absolut sehenswert.

Sex, Lügen und Gewissensbisse

Andreas Hutter, Neues Volksblatt, 25.01.2014

Premiere: „Komödie „Die Wahrheit“ von Florian Zeller im Linzer Theater Phönix

Ist es anständiger, die Wahrheit zu sagen oder sie zu vertuschen, damit Leidenschaft nicht Leider schafft? Diese Frage wirft der französische Shootingstar Florian Zeller (*1979) in seiner raffinierten Boulevardkomödie „Die Wahrheit" auf, die am Donnerstag im Phönix Premiere hatte. In diesem leichten Pariser Lustspiel beleuchtet er das Paarungsverhalten wohlsituierter Großstädter im fortgeschrittenen Ehe-Stadium anhand zweier befreundeter Paare:

Alle Phasen eines Ehebruchs durchdekliniert

Michel betrügt seine Gattin Laurence und seinen besten Freund Paul mit dessen Frau Alice. Fast alle Phasen eines Ehebruchs und seiner Vertuschung werden in 80 Minuten durchdekliniert: Alice will mehr als nur nachmittägliche Treffen im Hotel. Ein gemeinsames Wochenende zum Beispiel. Zugleich spielt sie mit dem Gedanken, ihrem Mann die Affäre zu beichten. Davon hält Michel gar nichts: Den besten Freund womöglich in den Selbstmord treiben, wo der gerade arbeitslos ist und sogar am Telefon erbärmlich aus sah? Einziges Zeichen der Reue: Beim Tennis lässt er Paul ab nun gewinnen ... Der hierorts (vom Landes und anderen Theatern) bestens bekannte Rumäne Ioan C. Toma hat den geschickt gebauten Plot mit seinen zahlreichen Volten in pfiffige Unterhaltung mit einem Spritzer Erotik verwandelt. Im passenden überdimensionalen Bett als Bühne (Ausstattung: Magdalena Gut) räkeln sich in wechselnden Paarungen: Lisa Schrammel (Gast) als verführerische Ärztin Alice, anfangs ein unkompliziertes Betthupferl, dann eines mit Gewissensbissen. Gar köstlich als betrogener Betrüger, der sich herrlich moralinsauer darüber echauffiert, dass auch andere ebenso unehrlich zu ihm waren wie er zu ihnen ist. Phönix Altgestein Matthias Hack, ein viriler Schwerenöter. Er trägt den überaus vergnüglich inszenierten Abend. Eine glaubhafte Lügnerin in Liebesdingen gibt Lisa Fuchs als Laurence. Als erotischer Wolf im Schafspelz entpuppt sich Paul, auch wenn man das seinem Darsteller, dem harmlos wirkenden Stefan Lasko (auch er Gast im Ensemble) nicht auf den ersten Blick ansieht ... Großer Applaus.

Lachen über betrogene Betrüger

Lena Aschauer, Krone, 25.01.2014

Französischer Charme im Linzer Phönix Theater: Das Stück „Die Wahrheit" von Florian Zeller besticht mit einer gehörigen Portion Humor und Spannung. Die vier Schauspieler erobern ihr Publikum im Sturm und haben dank gut durchdachter Bühnengestaltung viel Spiel-Freiraum. Ein Abend voller Überraschungen!

„Wenn die Leute von heute auf morgen aufhören würden, sich zu belügen, gäbe es kein einziges Paar mehr auf Erden." - „Die Wahrheit" ist ein Stück, vollgepackt mit Intrigen, Lügen, Wahrheiten und Halbwahrheiten, Betrug und Geheimnissen - ist es denn nun besser, die Wahrheit zu beichten oder ist das doch bloß eine egoistische Beruhigung des Gewissens?

„Die Wahrheit" ist ein Verwirrspiel, das seinesgleichen sucht, das Publikum wird bis zum Schluss auf falsche Fährten gelockt - und wenn es glaubt, alles durchschaut zu haben, schlägt die Geschichte eine komplett neue Richtung ein. Das heißt Spannung bis zur letzten Szene! Die vier Schauspieler Matthias Hack (grandios als Michel), Lisa Fuchs (Laurence), Stefan Lasko (Paul) und Lisa Schrammel alias Alice halten die Zuseher im intimen Rahmen des Phönix Theaters ganz ordentlich auf Trab. Mit verwirrenden Ansichten, verkehrten Welten und betrogenen Betrügern sorgen sie für schallendes Gelächter.

Regisseur Ioan C. Toma ist ein absoluter Glücksgriff: Das Stück wurde geschickt und vor allem kreativ angepackt und die kleine Bühne - mit Bett und einem großen „Verité'"-Schriftzug (Wahrheit) - spektakulär pfiffig genutzt. Ein toller Abend über Wahrheit, Lüge und die Varianten dazwischen.

„Die Wahrheit“: Zwar kein neues Thema, aber auch keine verstaubte Umsetzung

Katharina Wurzer, Subtext, 07.02.2014

„Die Wahrheit“ handelt - wie Zellers eigener Untertitel ausdrückt - von den Vorteilen, sie zu verschweigen und den Nachteilen, sie zu sagen. Dabei bewegt sich das Stück überzeugend sowie nahe am Leben des Individuums und an dem der heutigen Gesellschaft.

Alice (Lisa Schrammel) und Michel (Matthias Hack) haben seit einem halben Jahr eine Affäre. Sie treffen sich zwar regelmäßig, aber hauptsächlich nur in Pausen zwischen Terminen und anderen Verpflichtungen. Dem Wunsch Alices, ein ganzes Wochenende gemeinsam zu verbringen, könnte eher nachgegangen werden, wenn beide nicht verheiratet wären. Erschwerend hinzu kommt, dass Alices Ehemann Paul (Stefan Lasko) der beste Freund von Michel ist.

Als Alice plant, Paul gegenüber ihre Affäre mit Michel zuzugeben, will Michel sie davon abbringen – sei es nicht Liebe, ihn vor der Wahrheit zu verschonen oder solle man zumindest nicht auf einen besseren Zeitpunkt warten, nachdem Paul gerade seine Arbeitsstelle verloren hat? Schließlich scheint aber auch Michels Ehefrau Laurence (Lisa Fuchs) etwas zu ahnen …

Die Inszenierung (Ioan C. Toma) schafft es dabei, nicht moralisierend zu sein: Diejenigen, die betrogen werden, verheimlichen auch umgekehrt Dinge oder täuschen bewusst Ahnungslosigkeit vor, um das Gegenüber von selbst zur Wahrheit zu bewegen. Hinzu kommt ein gewisser Rollentausch, als Michel auf Paul wütend ist, da ihm dieser als Freund nicht gesagt habe, eine Vermutung von seiner und Alices Affäre zu haben, wohingegen Paul nach Michels Geständnis relativ ruhig bleibt. Auch Laurence scheint nach außen nicht so verletzt zu sein, wie man als Zuseher/in vielleicht vermuten würde: Es kommt zur Versöhnung, als ihr Michel verspricht, ab sofort diskreter zu sein und sie in Situationen anzulügen, in denen sie die Wahrheit schmerzen würde. Denn: „Wenn die Leute von heute auf morgen aufhören würden, sich zu belügen, gäbe es kein einziges Paar mehr auf Erden. Und in gewisser Hinsicht wäre das das Ende der Zivilisation“. Die sich durch das Stück ziehende Doppelmoral kommt auch wunderbar zur Geltung, als Laurence ihrerseits schließlich sämtliche Details zu Michels Affäre erfragt: Im Allgemeinen sei sie zwar nicht für das offene Ansprechen diesbezüglich, aber nun wisse sie ja bereits von der Affäre.

In einem Interview mit dem Autor Florian Zeller (1979 in Paris geboren) wird „Die Wahrheit“ den Boulevardstücken zugeordnet. Zeller selbst möge diese Bezeichnung und sehe Leichtigkeit eher als eine psychische Eigenschaft statt als eine Sache des Willens an. Wenngleich die behandelten Themen - Gegensatz standesgemäßes Äußeres und unstandesgemäße Affäre, sämtliche sich daraus ergebende Verstrickungen - dem Boulevard- Bereich entsprechen und bei „Die Wahrheit“ viel gelacht werden kann, hat das Stück dennoch Tiefgang aufzuweisen: Man denke an gesellschaftliche Konventionen, nach denen in bestimmten Situationen gelogen werden soll und sei es nur, um bei einem Bewerbungsgespräch einen besseren Eindruck von sich selbst zu hinterlassen oder um jemanden nicht zu kränken, wenn einem ein Geschenk in Wahrheit gar nicht gefallen hat. Laut Allan und Barbara Pease lügen wir genau aus den beiden Gründen, einen Vorteil zu erlangen oder um Schmerzen zu vermeiden.

Diese Widersprüche werden unter anderem in Zellers bitterem und melancholischem Blick auf Liebesbeziehungen widergespiegelt. Das von Magdalena Gut gestaltete Bühnenbild fügt sich stets in das Geschehen ein: Von dem Wort “Verité” (französisch für die Wahrheit) leuchten nie zeitgleich alle Buchstaben auf, im Trockenen sitzen - oder im Fall der Duschszene eher stehen - musste in diesem Stück (wortwörtlich) keiner der Schauspieler/innen. Die Musik (Armin Lehner) traf vor allem bei einer Szene mit übergroßem Bett und Luftballons mit dem Text den richtigen (Stimmungs-)Ton.

Gelungen ist auch das offene Ende: Man weiß als Zuseher/in nicht mehr genau, wer, wann, wo und schon gar nicht weshalb oder weshalb nicht gelogen hat. In Wahrheit hätte ein geschlossenes Ende doch dem Inhalt des Stückes widersprochen.

Dieses wurde 2011 in Frankreich uraufgeführt und kann auf jeden Fall wahrheitsgemäß im Linzer Phönix- Theater weiterempfohlen werden.