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Der kranke Raum

mit Ferry Öllinger, Harald Gebhartl , Rainer Jessl , Martina Kornfehl , Franz "Flieger" Stögner , Gerd Thaller , Fernando Toma
Uraufführung: 10.09.1991

Die Endzeitvisionen, der Weltenbrand, die Geißel des Kriegs, die ökologische Verwüstung, der Völkermord, der Vulkanausbruch, das verheerende Hochwasser - das sind unsere handfesten, begreifbaren und akzeptierten Vorstellungen der Katastrophen. Das Desaster aber hat auch seine intime Dimension, "Out of control" ist ebenso persönliche Betroffenheit, wie Nichtbewältigung im Privaten, Alltäglichen. Das Linzer Theater Phönix will diese Thematik mit einem waghalsigen Experiment aufspüren.

Die Arbeit, die einen überfordert, die gesellschaftliche Position, die man nicht verarbeitet, die Angebote, die einen überschwemmen und desorientieren, der technische Alltagskram, den man nicht bewältigt, die Träume, die verdorren, die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Triebsehnsüchte, die sich nicht einlösen, die Krankheit, die uns aus der Selbstsicherheit und Motorik wirft - die Gründe, warum wir "außer Kontrolle" geraten, in privat Katastrophen stürzen, sind ebenso nah wie vielfältig. Die Seele, bekanntlich ein weites Land, kann schnell zum kranken Raum werden. Schwer faßbar, schwer deutlich zu machen, schwer in Bilder zu setzen.

Für sein Auftragswerk der Ars Electronica hat das Theater Phönix einen radikalen Weg gewählt und sich als prinzipielle Haltung den herkömmlichen Regeln verweigert. Das heißt, nicht eine Geschichte erfinden, dann den Text formen, die Dramaturgie entwickeln, Regisseur, Ausstatter und Bühnenmusiker beauftragen, die Rollen proben und eine Theaterinszenierung zu Ende führen, sondern ein Thema als "work in progress" zu gestalten.

Drei Theatermenschen, drei Leute von der bildnerischen Seite, ein Musiker und ein Techniker haben sich als gleichberechtigte Partner zusammengeschlossen. Jeder hat für sich gesammelt, was er in dieses Projekt einbringen möchte: Texte, Audio und Video, Erinnerungsmaterial, Gedanken. Der Schauspieler Ferry Öllinger: "Wir haben immer wieder gecheckt, wo stehen wir, was hat jeder an konkreten Ideen, was können wir davon festlegen. Das ist eine Methode, in der dann auch in weiterer Folge gruppendynamische Prozesse passieren können." Eine Methodik und ein Prozeß, bei dem auch einer aussteigen kann. So zum Beispiel der Musiker Sam Auinger.

So werden also Harald Gebhartl, Rainer Jessl, Martina Kornfehl, Ferdinand Öllinger, Franz Flieger Stögner, Gerd Thaller und Fernando Toma ihre Gedankenbilder, Obsessionen, Forschungsprozesse in Erlebnisbilder bringen. Sie wollen dies kompromißlos tun, unter Ausschaltung der landläufigen Theater-Verhaltensmuster: "Oh, des kann in die Hosn gehn" oder "Oh, des is guat!". Für ihre unabwägbaren Laborabenteuer steht ihnen am Dienstag, 10. September (11 Uhr), Mittwoch, 11. September (22 Uhr), Donnerstag, 12. September (22 Uhr) und Freitag, 13. September (18 Uhr), das ganze Haus an der Wiener Straße zur Verfügung.

Wie erlebe ich diesen "kranken Raum"? Spröde, sinnlich, publikumsgeil, verweigernd, spannend, langweilig? Die Entwerfer wissen es nicht, die Neugierigen sind eingeladen, sich selbst darauf einzulassen.

OÖN, 7.9.1991