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Versuch. Ein Stück

mit Ferry Öllinger, Helmut Fröhlich , Ingrid Höller , Josef Krenmayr , Georg Schmiedleitner , Waltraud Starck
Regie: Peter Honegger
Bühne: Rainer Jessl, Martina Kornfehl
Lichtgestaltung: Rainer Jessl, Martina Kornfehl
Musik: Sam Auinger
Dramaturgie: Ferry Öllinger, Markus Ebert , Helmut Fröhlich , Harald Gebhartl , Ingrid Höller , Josef Krenmayr , Stefan Kurowski , Georg Schmiedleitner , Waltraud Starck , Robert Stähr
Uraufführung: 19.09.1990

STUMME VERSION

Über das unerlaubte Inszenieren eines Stückes

Der Ensemblebeschluß war getan, doch schon im nächsten Atemzug ergaben sich Probleme, die uns in dieser Art bei einer Probenarbeit noch nicht begleitet hatten. Strategien für Geheimhaltung wurden geboren, Decknamen für das Projekt erfunden. Eine Probenphase passiert zwar relativ abgeschlossen, doch zum ersten Mal wurde uns bewußt, wie viele Leute diese Arbeit interessiert. Freunde, Bekannte, andere Ensemblemitglieder usw. wollten wissen, welches Stück wir denn nun proben, wie es heiße, was denn nun im Herbst als Eigenproduktion herauskomme usw. Es wurde ein groteskes und zum Teil alle Kapriolen schlagendes Verwirr- und Versteckspiel um das unbedingt geheimzuhaltende, noch nicht entstandene Produkt. Bald lief die Bernhard-Produktion unter dem Deckmantel „Sommernachtstraum“, dann wieder unter dem Name „Reise“. Alles mußte geheim passieren, um das Projekt nicht zu gefährden.

Das Verbot hatte auch schon das Burgtheater zu sehr verwinkelten Möglichkeiten getrieben, um das gnadenlose Nein des Meisters zu umgehen. Vielleicht sollten wir die Produktion im Ausland herausbringen und dann nach Österreich schmuggeln, oder die Schweizer Staatsbürgerschaft annehmen oder überhaupt ein ganz anderes Stück bis zum Schluß ankündigen oder in einer ausländischen Botschaft spielen oder überhaupt einen eigenen Staat gründen. Aber all diese Überlegungen gingen natürlich an der Sache vorbei. Es bleib dabei. Das Theater Phönix spielt Thomas Bernhard in Linz.

Die ersten Sätze, die bei der Probe holprig aus unseren Mündern purzelten, empfanden wir fast als Ungeheuerlichkeit gegen den Willen des großen Meisters. Jeder rechnete damit, daß ihn sogleich der Bannstrahl oder das verächtliche Lachen des genialen Übertreibungskünstlers aus dem Jenseits träfe. „Berühmt sein, das ist es“, schmettert der Bassist in den „Berühmten“ und wir sehen dabei Peymann und Voss im Zuschauerraum sitzen und unsere Unbeholfenheit belachen. Immer wieder taucht bei den Proben auf, daß wir alles gegen einen entschiedenen Willen tun, die Sätze bekommen auf diese Art fast etwas Geheimnisvolles. Wie bei einer Verschwörung kommen wir uns vor, wenn Freunde uns fragen, wie es denn bei den Proben ginge und für welches Stück wir uns denn jetzt entschieden hätten. Hinter den Fragen vermuten wir natürlich schon das insgeheime Wissen um die geheime Aktion. Wir räumen sogar fein säuberlich nach der Probe immer die Bernhard-Texte weg und sprechen auch im engsten Bekanntenkreis wenig oder höchstens abschweifend vom Theater. Der grantige Bernhard treibt ja schon sein genüßliches Spiel mit uns und wir beginnen mit aggressiver Lust perfid über Künstler herzufallen, so wie es der Text vorschreibt. „Kopfüber“, brüllen wir wie Tiere, sei der bekannte Kollege in den Orchestergraben gefallen, „Kopfüber. Ein Unglücksrabe“.

Wir entdecken langsam die Lust an der Perfidie der Bernhard-Sätze, an den verbalen Rundumschlägen der Figuren. Doch wir merken auch, daß Bernhard seine Figuren in den „Berühmten“ am Tisch festnagelt. Nur die Worte sind in Bewegung, die Körper bleiben statisch. Ganz entgegen unserer Theatertradition. Entgegen unserer Gewohnheit und Auffassung. Wir erstarren notgedrungen am Tisch. Die Regieanweisungen im Stück machen uns bewegungslos. Wir fühlen uns wie Gefangene. Das Spiel gerät langweilig und fad. Endlose Konversationen, die wir nicht mit Überzeugung und Spannung versehen können. Farblose Figuren an einem Tisch. Wir sind verzweifelt. Da ist sie, die Rache des genialen Fallenstellers, denken wir. Sein Text ist eben nicht für „Purzelbaumtheater“. Nicht für Theater, wo ständig Türen auf und Türen zu gehen. Kläglich sitzen wir an der vorgeschriebenen Tafel „Fasanessend und trinkend“. Bernhard-Texte sind eben nur für Weltmeister geschrieben. Für die ganz großen. Provinzielle Tabu-Brecher werden vernichtet. Doch wir proben weiter. Gegen den Willen des Autors suchen wir Figuren und Subtexte. Nach Geschichten, die neben dem Text mitschwingen und die Bernhard-Sätze kreisen uns weiter ein. Der Regisseur langweilt sich und wir fluchen, bereuen und machen uns Vorwürfe. Wir finden einen Satz „Wir machen eine Reise und kommen erschöpft an, wir gehen aus dem Haus und kommen zerstört zurück“. Ein Satz, der uns nicht mehr so schnell losläßt, ein Satz, der zu unserer Situation paßt. Wir beschließen weiterzumachen, selbst auf die Gefahr hin, daß unser Bernhard-Endprodukt nur einmal zur Aufführung gelangt. 14 Wochen Probenzeit für eine Aufführung? Das Ensemble ist sich einig. Wir werfen Tische und Stühle um, reißen ein Brett aus dem Bauschutt und halten es vor uns hin und behaupten, das ist unsere Tischgesellschaft und beenden damit eine lange Bühnenbilddiskussion. Wir motzen ein wenig auf gegen die Wortgewalt des Dichters. „Wenn wir unser Ziel erreichen wollen, müssen wir in die entgegengesetzte Richtung gehen“, schreien immer wieder die Figuren bei den Proben und rennen im Kreis mit Koffern und Schirmen bepackt. Die Schritte sind beschwerlich und schmerzen im Sand. „Wir sind in die Falle gegangen. In die Existenzfalle“, doch der Bassist treibt zum Spielen an. „Spielen, spielen, spielt doch weiter! Alle die wir hier sitzen sind berühmt, wir sind vielleicht sogar die Berühmtesten“. Längst haben wir eine Reise angetreten, eine Reis durch eine Wüste, bei der auch einige aus dem Ensemble abfallen, nicht mehr mitkönnen und wollen. Eine Reise ins Ungewisse, vielleicht zur Grabstätte des Dichters, wo mit Ihm auch die Figuren aus seinen Stücken begraben unter dem Sand liegen. Wir reißen sie heraus und tanzen mit ihnen und schlüpfen in ihre Gewänder, doch unsere Münder sind verstopft und können nicht reden.

Nichts darf öffentlich kundgetan werden innerhalb der Grenzen des österreichischen Staates. Langsam wird das auch immer stärker zum Thema in unserer Inszenierung. Wir sprechen aus, was wir nicht dürfen und zeigen, was uns quält. Der erste Durchlauf passiert nach vielen Versuchen und Umstellungen, Streichungen und Diskussionen. Wir zeigen dem Produktionsteam eine vorläufige Fassung. Ein Schritt ist getan. Oder war es nur ein Alptraum.

Georg Schmiedleitner

Theater-Phönix-Zeitung Sept/Okt 1990