Foto: Matthias Heschl
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Kudlich

eine anachronistische Puppenschlacht

Eine Produktion des Schauspielhaus Wien im Rahmen der Theaterallianz
mit Peter Elter, Max Gindorff , Katharina Haudum , Lisa-Maria Sexl , Nicolaas van Diepen
Regie: Marco Štorman
Bühne: Jil Bertermann
Kostüme: Jil Bertermann
Musik: Gordian Gleiss
Dramaturgie: Tobias Schuster
Premiere: 19.04.2017
Dauer: 1h 45min

Wien im März 1848 – die drei Jahrzehnte seit dem Wiener Kongress haben eine bleierne Restaurationszeit gebracht, der Feudalismus besteht weiter, die Hoffnungen auf Demokratie und Freiheit haben sich nicht erfüllt. Doch unter der Oberfläche der Ständegesellschaft gärt es, und Umbrüche beginnen sich anzudeuten. Einer der Protagonisten der Rebellion: Hans Kudlich. Obwohl bei einer Demonstration durch ein Attentat lebensgefährlich verwundet, lässt sich der Sohn einer Bauernfamilie von seinem Kampf für die Freiheit nicht abbringen. Er zieht mit 25 Jahren als jüngstes Mitglied in den österreichischen Reichstag ein. Im Juni 1848 legt er dort den Gesetzentwurf zur Aufhebung der Leibeigenschaft vor und geht dadurch als Bauernbefreier in die Geschichte ein. Kaum ist die Freiheit von den Feudalherren erkämpft, stellt sich allerdings die Frage nach der Zukunft: Die Bauern brauchen nun Kredite für eigene Höfe, und so führt ihre Befreiung in die Abhängigkeit von der neugegründeten Raiffeisenbank. Ihre Freiheit, ein vergiftetes Geschenk? Aus Leibeigenen werden plötzlich Agrar-Ökonomen – das Unternehmertum mit allen verbundenen Chancen und Risiken ersetzt die sichere Unfreiheit des Feudalismus.

In seinem jüngsten Stück verwendet der oberösterreichische Autor Thomas Köck – einer der vielversprechendsten jungen deutschsprachigen Autoren – die Biografie Hans Kudlichs als Folie, vor der er humorvoll und poetisch Fragen nach Revolution und Widerstand aufwirft. Lustvoll springt er dabei zwischen Historie und Gegenwart hin und her und erzählt über die Ambivalenz der Freiheit. 

Mit „Kudlich“ gewann er im Frühjahr 2016 den Autorenwettbewerb der österreichischen Theaterallianz, am 25. November 2016 erfolgte die erfolgreiche Uraufführung am Schauspielhaus Wien.

Trailer

Pressestimmen

Bauernrevolution wird zur Farce

Neue Kronen Zeitung, Elisabeth Rathenböck, 21.04.2017

Die Theaterallianz zeigt Thomas Köcks "Kudlich" im Phönix

Der Steyrer Köck (31) schrieb eine Revolutions-Farce, und er weiß: Nach der "Posthistorie" wird Geschichte nicht mehr gelebt, sondern nur "upgedatet" und "reloaded". Er stellt die historische Figur des österreichischen Bauernrebells Hans Kudlich in die Mitte. Der lehnt sich gegen den Robot auf. Doch sein Widerstand schaufelt wieder nur das Kapital jenen zu, die schon immer davon profitiert haben: ökonomisch und/oder ideologisch.

Regisseur Marco Štorman erfasste mit seiner Inszenierung für das Schauspielhaus Wien wirkungsvoll Mechanismen der Macht. Er führt geschickt durch einen schwierigen, überreizten Text, sodass man gebannt zuschaut. Der Stier als antikes Symbol für Europa hängt im Bühnenbild von Jil Bertermann wie ein Bausatz in der Mitte. Durch Ketten zur Marionette gemacht, weiß man,  dass auch die Menschen Marionetten sind. Die Bauernbefreiung durchzieht wie dünne Fäden mehrere Zeitebenen, mehrere Gruppen, die sich Rund um die Rebellion zwischen Gestern und Heute immer wieder treffen. Sie agieren dünnhäutig, übertrieben, hysterisch, populistisch und exaltiert- wunderbare Schauspielerleistungen.

Genial, überwältigend. Anschauen!

 

Ein Parolenfeuerwerk, das nicht zündet

OÖN, Peter Grubmüller, 21.04.2017

Die Texte des gefeierten Steyrer Dramatikers Thomas Köck sind dermaßen klug, aber artifiziell, dass sie kein Hudeln gestatten. Warum hetzt also Regisseur Marco Štorman das Ensemble des Wiener Schauspielhauses durch Köcks Siegerstück der Theaterallianz (Zusammenarbeit von Theater KOSMOS Bregenz, Schauspielhaus Salzburg, klagenfurter ensemble, Theater Phönix Linz, Schauspielhaus Wien und Grazer Theater am Lend)? Am Mittwoch fand nach der Uraufführung im November in Wien die Premiere im Linzer Theater Phönix statt.

Das Stück selbst will keines werden. Es hebt 1848 als Parolenfeuerwerk an, als Hans Kudlich die Bauern aus der Leibeigenschaft befreit. Es mäandert in die Gegenwart und wieder zurück. TV-Moderatorin Arabella und Schlagersänger Gabalier tauchen genauso auf wie Büchner. Das Publikum gerät mitten in den Wahlkampf des überehrgeizigen Wenzel Bumsti Hofer (Peter Elter), Frauke P. Kickl (Katharina Haudum) assistiert ihm. Frei von Subtilität und gestelzt verhandeln die der Realität albern ausgestanzten Figuren, wer denn nun die Marionetten der Mächtigen sind. Kudlich (Nicolaas van Diepen in zuckerlrosa Bluse) war bloß ein Etappensieger, Neoliberalismus bedeutet die neue Knechtschaft. Turbokapitalismus hält mit Rechtspopulismus Händchen und schubst uns der Apokalypse entgegen. So, so! Dem stimmt das Publikum gerne zu, sofern es schlüssig gearbeitet ist. Die Schauspieler bleiben verdächtig, nicht zu wissen wovon sie da reden-Köcks Sprachkraft ertrinkt in Hast, Bühnenmusik und tuntigem Getue van Diepens. Viel Wirbel, wenig Spiel-das Stück ist besser als diese Inszenierung.

"Kudlich-eine anachronistische Puppenschlacht" von Thomas Köck, Regie: Marco Štorman