Sujet: Dini Hroß
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Die fetten Jahre sind vorbei

nach dem gleichnamigen Film von Hans Weingartner

mit Lisa Fuchs, Matthias Hack , Felix Rank , Eduard Wildner
Regie: Hakon Hirzenberger
Bühne: Thomas Kurz
Kostüme: Andrea Bernd
Lichtgestaltung: Sabine Wiesenbauer
Musik: Wolfgang Peidelstein
Video: Erik Etschel
Dramaturgie: Silke Dörner
Premiere: 02.05.2013 Saal

Jan und Peter wollen auf ihre eigene Art gegen das Establishment kämpfen. Deshalb planen sie, in luxuriöse Villen einzusteigen, dort aber nichts zu stehlen, sondern nur alles durcheinanderzubringen, um die „Bonzen“ zu verunsichern. Hinterlassen wollen sie dabei Nachrichten wie „Die fetten Jahre sind vorbei“, die sie mit „Deine Erziehungsberechtigten“ unterschreiben. 

Als Jan allerdings Peters Freundin Jule in das Geheimnis einweiht, fangen die Probleme an. Jule überredet Jan, mit ihr in die Villa des Managers Hardenberg einzusteigen, denn wegen eines selbstverschuldeten Autounfalls muss sie den Totalschaden von dessen fabrikneuem Mercedes der S-Klasse abstottern. 

Beim Einbruch in Hardenbergs Villa springt zwischen Jan und Jule der Funken über und sie verlieben sich ineinander. Doch da taucht plötzlich und unerwartet der Hausbesitzer auf. Zwar gelingt es Jan, Hardenberg zu überwältigen und zu fesseln, aber dieser hat Jule erkannt. Völlig ratlos rufen die beiden Peter zu Hilfe. Gemeinsam beschließen die drei, Hardenberg zu entführen, und die Situation gerät immer mehr außer Kontrolle.

 

Basierend auf dem Film von Hans Weingartner, einer der erfolgreichsten deutschen Kinofilme der letzten Jahre, hat Gunnar Dreßler eine packende Antiglobalisierungskomödie geschrieben, die sich mit der immer aktuellen Frage der sozialen Gerechtigkeit auseinandersetzt und den Turbo-Kapitalismus unserer Zeit mit Ironie und Humor an den Pranger stellt.

Fotos

Sujet: Dini Hroß
© Christian Herzenberger
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Trailer

Pressestimmen

Mit Witz ans Kreuz genagelt

Milli Hornegger, Krone, 04.05.2013

Vergnügliche Inszenierung der „fetten Jahre im Phönix Linz

„Die fetten Jahre sind vorbei" - oder doch nicht? An der Kasse des Linzer Phönix-Theaters könnten jedenfalls mit dieser jüngsten Inszenierung von Hakon Hirzenberger die Kassen in den kommenden Wochen ordentlich klingeln. Da wird das Vaterunser des Kapitalismus mit Witz ans Kreuz genagelt - ohne dass es weh tut.

Ja doch, das Stück nach dem gleichnamigen Film von Hans Weingartner hat schon seine Meriten, aber was diese Linzer Inszenierung ausmacht, ist vor allem das Schau-Vergnügen. Thomas Kurz hat eine Bühne gebaut, die dem Regisseur Hakon Hirzenberger und seinem Darsteller-Quartett so noch nie gesehene Möglichkeiten offeriert: Schattenspiele, Scherenschnitte, ein großbürgerlicher Ramschladen und der wahrlich nicht kleine Abfallhaufen der Zivilisation - alles findet Platz auf der Phönix-Bühne.

Das Ensemble agiert in höchster Spiellust. Eduard Wildner ist als Inkarnation des Kapitalismus fast zu gut, um wahr zu sein. Der Mann bewahrt selbst als Entführungsopfer mit heruntergezogenen Hosen noch seinen Stil und - vor allem! - seinen Witz. Matthias Hack, Felix Rank und Lisa Fuchs leben ihre naiv-liebenswerte Gesellschaftskritik ein bisschen planlos, aber sehr unterhaltsam. Heftiger und herzlicher Applaus!

Auch Revoluzzer sind nur Menschen

Andreas Hutter, Neues Volksblatt, 04.05.2013

Premiere: Komödie „Die fetten Jahre sind vorbei" im Linzer Theater Phönix

Auch Revolutionäre sind nur Menschen. „Aber nimm‘ das Cosy", meint Jule zu ihrem Freund Peter, als sie ihn mitten unter der Entführung des Topmanagers Hardenberg mal schnell einkaufen schickt. Ebenso wichtig wie besagtes Toiletten- ist den Großstadtguerilleros bedrucktes Papier, vorzugsweise von Che Guevara. Pech nur, dass sich just ihr Opfer Hardenberg als Alt-68er entpuppt, der als Vorstandsmitglied im „Sozialistischen Deutschen Studentenbund" den kubanischen Parade-Revoluzzer zu Lebzeiten des öfteren auf seiner Insel besucht hat ... Ja so kann's gehen, wenn man im Zeitalter der Globalisierung noch Revolution á la 70er-Jahre machen will. Auch wenn Peter und Freund Jan statt wie einst die RAF „die Reichen" zu erschießen nur in deren Villen einsteigen, um dort nicht einmal etwas zu stehlen, sondern bloß das Mobiliar zu verrücken. Und als Gipfel der subtilen Protestaktion Botschaften wie „Die fetten Jahre sind vorbei" zu hinterlassen. Bis die launigen Rebellen eben von Hardenberg, dem Gutmenschen von gestern, überrascht werden und sie ihn notgedrungen kidnappen müssen.

Erfrischend, aber ohne erhobenen Zeigefinger

Diese sozialromantische Geschichte hat sich der Vorarlberger Hans Weingartner für seinen Kinohit von 2004 herbei geschrieben. Gunnar Dreßler hat 2006 daraus eine Bühnenversion gezimmert, die der Wiener Gastregisseur Hakon Hirzenberger nun im Phönix erfrischend und ohne erhobenen Zeigefinger in Szene gesetzt hat. Nicht zuletzt dem formidablen Bühnenbild von Thomas Kurz ist es zu danken, dass Hirzenberger die Schauplätze aus dem Kino auf der Bühne nachzeichnen kann. Das beginnt bei der transparenten Leinwand, hinter der eingangs als Reminiszenz an den Film poetische Schattenspiele getrieben werden. Das setzt sich fort im stilechten Villen-Interieur, das sich dahinter verbirgt und mit wenigen Handgriffen freigelegt werden kann, und endet auf einer bis unter die Decke gebauten Müllhalde als letzter der zwiebelschalenartig abgetragenen Kulissen-Schichten. Wolfgang Peidelstein unterstützt dies mit einem ebenso abwechslungsreichen Soundtrack von Barock bis Rock. Lisa Fuchs vermag als spontane, aber auch romantische und vom Leben gebeutelte Jule nicht nur Jan und Peter, sondern auch das Publikum in Bann zu ziehen. Felix Rank (als enthusiastischer Jan) und Matthias Hack (als rührend enttäuschter, weil betrogener Peter) sind ironisch gebrochene Vertreter der autonomen Szene, aus denen mit subtilem Humor angereicherte Revolutionsmetaphorik sprudelt. Eduard Wildner ist der coole Ruhepol des Abends, er legt den entführten Bürgerlichen mit linker Vergangenheit souverän an. Knackige 80 Minuten,- mit denen das Kunststück gelang, aktuell, kritisch und witzig zugleich zu sein.

„Wer über 30 noch links ist, hat keinen Verstand"

Silvia Nagl, OÖN, 04.05.2013

„Die fetten Jahre sind vorbei" im Linzer Theater Phönix

„Wer unter 30 nicht links ist, hat kein Herz. Wer über 30 noch immer links ist, hat keinen Verstand!" Gelächter im Publikum. Ja, so ein Satz sitzt - egal, ob bei unter oder über 30-Jährigen. Ausgesprochen von jenem sich als Alt-68er entpuppenden „Bonzen", den die drei Möchtegern-Revoluzzer Jan, Peter und Jule mehr zufällig denn beabsichtigt entführt haben.

Hans Weingartner hat 2004 den Film „Die fetten Jahre sind vorbei" gedreht: großer Erfolg im Kino, weil er wohl Lebensgefühl und Empfindungen einer Generation getroffen hat, ohne belehrend oder agitatorisch gegen Kapitalismus zu wettern. 2006 folgte die Bühnenfassung: großer Erfolg und bis heute viel gespielt auf deutschsprachigen Bühnen.

Hinterließ der Film schon einige Fragen, tut es die Bühnenfassung - und im Speziellen die Inszenierung im Linzer Theater Phönix - auch. Regisseur Hakon Hirzenberger scheint manchmal, bei der Zeichnung großer Bilder auf die genauere Führung der Personen vergessen zu haben. Mit den raumfüllend projizierten Videos in Game-Manier von Erik Etschel, dem dynamischen Sound von Wolf gang Peidelstein, den intelligent von Thomas Kurz aufgebauten Bühnenräumen wirkt anfänglich die Szenerie sehr vielversprechend. Dann aber kippt das Geschehen immer wieder in Szenen, die nicht schlüssig sind, wie jene, als Jule mit Jan beim gemeinsamen Ausmalen ihres Zimmers vom bequemen Outfit ins kesse Kleidchen steigt. Oder wenn freiwillig Benzin gesoffen und dann gekotzt wird, muss das nicht ausufern, auch eine pantomimische Mampfszene ist zu lang geraten. Der Wechsel von der Villa zur Müllhalde ergibt keine Logik. Und katholische Ikonographie wird zu intensiv bemüht: Wenn es heißt „Ans Kreuz mit dem Kapital!" - okay, dann aber der Unternehmer mit Kreuz am Rücken, Mistkrone am Haupt den Müllberg hinauf gepeitscht wird, nun: das ist schlichtweg platt.

Satire oder Ernst?

Jan und Peter steigen in luxuriöse Villen ein, stehlen nichts, hinter-. lassen Botschaften wie „Die fetten Jahre sind vorbei". Als Jan mit Jule in jener Villa Unordnung macht, die dem Unternehmer gehört, dessen Auto Jule zu Schrott gefahren hat, kehrt der zufällig zurück und erkennt Jule. Was tun? Sie entführen ihn kurzerhand ...

Ob Satire oder Ernst, ob Komödie oder Tragödie -von allem war der Film ein bisschen, so ergeht es auch der Inszenierung. Und die Bühnenfiguren switchen ebenso irgendwo zwischendrin herum. Eduard Wildner ist kein tougher Unternehmer, sondern ein schrulliger, der Lächerlichkeit preisgegebener Alter, dem wohl das viele Kiffen in den Revoluzzer-Jahren das Hirn verblödet hat. Lisa Fuchs als Jule ist in Tonfall und Getue ein Girlie, dem man kaum den Führerschein zutrauen mag und schon gar nicht, dass sie gelegentlich Gescheites zu Kapitalismus und Globalisierung äußert. Matthias Hack und Felix Rank tollen, sprinten, bitzeln umher, bleiben aber als Charaktere flache Schablone.

In die eher Ratlosigkeit hinterlassende Linie Film, Stück, Inszenierung passen auch die Publikumsreaktionen am Premierenabend: Lachen neben Schweigen, lauter Applaus neben höflichem Klatschen.

Der Kapitalist als Märtyrer

Wiltrud Hackl, Der Standard, 06.05.2013

„Die fetten Jahre sind vorbei" im Linzer Theater Phoenix

Linz - Dabei beginnt es vielverssprechend: eine Leinwand als Projektionsfläche, hinter der die Schauspieler als Silhouette agieren und sich mittels scharfer Messer den Weg auf die Bühne freischneiden. Politische Parolen hinterlassen keine Spuren und haben kaum Wirkung, denn auch sie sind nur projiziert und nicht auf den Wänden manifest.

Diese erste Bühnenbildschicht wird eingerissen - dahinter liegt der Salon einer Villa. Jan (Felix Rank) und Peter (Matthias Hack) brechen als „Die Erziehungsberechtigten" in die Häuser der Reichen ein, wo sie zwar nichts stehlen, allerdings Möbel und Wertgegenstände zu mahnenden Götzen-Installationen auftürmen.

Eine dieser Villen gehört Hardenberg, dem Jule (Lisa Fuchs) 100.000 Euro schuldet, weil sie sein Auto zu Schrott gefahren hat. Jule überredet Jan, während Peters Abwesenheit in diese Villa einzusteigen. Alles geht schief, Hardenberg kommt unerwartet nach Hause, erkennt Jule, wird bewusstlos geschlagen und entführt.

So weit die Geschichte, die Hans Weingartners Film Die fetten Jahre sind vorbei aus dem Jahr 2004 erzählt. In der Bühnenfassung von Gunnar Dreßler bringen die Linzer Revolutionäre ihren Hardenberg allerdings auf eine Müllhalde anstatt auf eine Almhütte. Von da an geht's bergab: Ein herumliegendes mannshohes Kreuz wird dem Millionär auferlegt, samt Mülldornenkrone wird er die Halde hochgejagt und muss eine Zeitlang mit heruntergelassenen Hosen am Kreuz stehen, singen und spielen.

Eduard Wildner nimmt man allerdings auch sitzend und angezogen die eigene revolutionäre 68er-Vergangenheit nicht ab, und schon gar nicht Sätze wie: „Vor dreißig Jahren hätten wir gerne mal so einen Bonzen in der Mangel gehabt. Und jetzt sitz ich selber hier. Das ist - schon komisch."

Blöd nur, dass eine Kraft dieser Geschichte eben dort liegt, wo sich zwei Generationen gegenüberstehen und an den jeweiligen Projektionen erkennen. Bei Hirzenberger aber wird der Kapitalist bloß zum Märtyrer und revoltierende Jugendliche zu computerspielenden Doofis - sie sind sogar zu dämlich zum Essenkaufen (Tiefkühlpizza, aber kein Backrohr, oje ...).