Sujet: Dini Hroß
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Der Kaktus

von Julie Zeh
mit Ferry Öllinger, Lisa Fuchs , Matthias Hack , Theo Helm , Michael Peter Moser
Regie: Esther Muschol
Ausstattung: Fabian Lüdicke
Lichtgestaltung: Christian Leisch
Österreichische Erstaufführung: 27.01.2011 Balkon

Jochen Dürrmann, GSG 9, ist ein echter Coup geglückt. Vor einem Frankfurter Blumenladen hat er einen international gesuchten Terrorverdächtigen festgesetzt und mit Hilfe des jungen Streifenpolizisten Cem aufs Revier gebracht, wo er verhört werden soll. Dass es sich bei dem mutmaßlichen Al-Kaida-Kämpfer um einen großen Kaktus handelt, beschäftigt weder Cem noch Dürrmann, auch nicht die Polizeianwärterin Susi, die bald hinzustößt. Zu groß ist die Euphorie über den Fahndungserfolg, zu verworren sind die Zuständigkeiten, zu ablenkend lästige Fragen wie die nach den Grenzen des Rechtsstaates. Da der Gefährder, wie bei Kakteen üblich, hartnäckig schweigt, wird ihm nachdrücklich Folter angedroht, erst recht, als Dr. Schmidt vom BKA herbeieilt und Gefahr im Verzug meldet.

Die erfolgreiche deutsche Autorin Juli Zeh zeigt in ihrem neuen Stück auf grotesk-satirische Weise demokratische Polizeiarbeit in der Zwickmühle zwischen Staatssicherheit und Menschenrechten.

Fotos

Sujet: Dini Hroß
© Christian Herzenberger
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Pressestimmen

Rambo und Macho im Netzwerk des Terrorismus

Silvia Nagl, OÖN, 29.01.2011

„Der Kaktus" der deutschen Erfolgsautorin Juli Zeh ist eine klug und amüsant geschriebene Mischung aus Kabarett, Slapstick, Krimi und absurdem Theater. Regisseurin Esther Muschol macht daraus mit einem fulminant agierenden Schauspiel-Vierer eine überaus witzige Komödie.

Migrationshintergrund, verwurzelt in Needles in Kalifornien, von dort über Mexiko, Nordafrika, Pakistan und Afghanistan nach Deutschland ... - wenn das nicht verdächtig klingt? Deshalb hat Elitepolizist Jochen Dürrmann von der Spezialeinheit GSG 9 den Verdächtigen vor einem Blumenladen in Frankfurts Innenstadt hopps genommen - und da steht er nun mit erhobenen Händen im kargen Büro des Polizeireviers: ein mannsgroßer, stacheliger Kaktus ...

In dem 2009 in München uraufgeführten Stück „Der Kaktus" hat Juli Zeh Witz und Wahrheit vereint, den Schauspielern freche, schnelle Dialoge geschrieben und eine Menge an Themen hineingepackt, was manchmal etwas verworren daherkommt. Kontroll- und Überwachungsstaat, Grundrechte, Demokratieverständnis, Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, Ausländerthematik - all das und noch einiges mehr findet Platz in diesem grotesk-satirischen Spiel.

Ein Verdächtiger also, der beharrlich schweigt. Polizisten, die, nachdem der stachelige „Gefährder" mit den legalen Mitteln der Staatsgewalt nicht zum Reden zu bringen ist, zu Foltermethoden greifen. Klischeehaft überhöhte Figuren zwar, aber doch Charaktere aus dem Leben gegriffen - und erschreckend real. Gilt es doch, einen geplanten Terroranschlag auf den Frankfurter Flughafen zu verhindern. Regisseurin Esther Muschol gibt dem Spiel Dynamik, Tempo und stetes Augenzwinkern, unterstreicht das turbulente Geschehen noch mit Filmzitaten und dementsprechenden Musikeinspielungen.

Das Phönix-Ensemble erweist sich - wieder einmal - als komödiantisches Edelteam. Theo Helm einfach umwerfend komisch als wild fuchtelnder Rambo und schwitzender Karriereleiterkletterer mit Hierarchiegläubigkeit und vorauseilendem Gehorsam. Matthias Hack als türkischstämmiger, intelligenzmäßig unterbemittelter Polizist zwischen Macho und Frauenversteher: eine herrliche Studie! Absolut überzeugend als Gutmenschin ist Lisa Fuchs: Polizeianwärterin glaubt an die Demokratie und das Gute im Menschen - eine Zeitlang zumindest. Ferry Öllinger, Langzeitkieberer in „Soko Kitzbühel", hat es hier zum hohen Beamten gebracht, dem die Visionen abhanden gekommen sind und der Zynismus geblieben ist.

Tolles Bühnenbild

Fabian Lüdicke hat ein tolles Bühnenbild in den kleinen Balkon-Raum gebaut: eine Guckkastenbühne im wahrsten Wortsinne. Das rundherum sitzende Publikum beobachtet die darin agierenden Figuren, kann selbst aber auch beobachtet werden. Ein kongenial umgesetztes Symbol für die Botschaft dieses kurzweiligen, eineinhalb Stunden dauernden Stückes.

Brillante Terrorismus-Groteske

Guido Tartarotti, Kurier, 29.01.2011

Kritik - Juli Zehs „Der Kaktus" im Theater Phönix in Linz

Im Krieg gegen den Terrorismus kommt es auf Schnelligkeit an. Da kann man nicht immer so genau schauen. Manchmal werden halt auch die Falschen erwischt.

Das ist die Ausgangslage von Juli Zehs neuem, brillanten Stück „Der Kaktus", das am Donnerstag im Theater Phönix in Linz österreichische Erstaufführung hatte. Da führen Hinweise aus der CIA die deutschen Behörden zu einem Fachgeschäft für Pflanzen. Wo man einen unschuldigen Kaktus festnimmt.

Der erweist sich im Verhör als unkooperativ. Er will weder Zigaretten noch Kaffee annehmen - und schon gar nicht verraten, wo am Frankfurter Flughafen die Bomben versteckt sind. Also muss man die Verhörmethoden verschärfen.

Zehs Text ist eine wunderbar theatergerechte Groteske, die um ein sehr ernstes Thema kreist: Wenn man Terroristen foltert, um Menschenleben zu retten - haben die dann erst recht gewonnen, weil man ihnen dadurch gleich wird? Das kluge Stück wechselt zwischen kabarettistischen Strecken und beklemmenden Momenten. Zeh streift sehr geschickt im Vorbeigehen aktuelle Themen wie Integration, Gleichberechtigung oder blinde Beamtenmentalität. Einziger Minuspunkt: Das Ende wirkt grausam aufgesetzt.

Esther Muschol hat den Stoff sehr rhythmisch und mit viel Liebe zum Detail inszeniert. Großartig sind die Schauspieler, allen voran Theo Helm als Muttersöhnchen im Kampfanzug. Aber auch Matthias Hack als „konkretkrasser" türkischer Polizist Cem, Lisa Fuchs als gutmenschliche Polizeibeamtin und Ferry Öllinger als eitler Geheimdienstler überzeugen.

Hervorragend ist auch die Bühnenlösung (Fabian Lüdicke): Die Zuschauer sitzen rund um das Verhörzimmer, in welches sie durch Observierungsfenster hineinblicken.

Viel Komik in der Staatsbürgerkunde

Andreas Hutter, Neues Volksblatt, 29.01.2011

Österreichische Erstaufführung: „Der Kaktus", Terrorfarce der deutschen Autorin Juli Zeh (36), im Linzer Theater Phönix

Verdächtige Wüstenaufenthalte, Migrationshintergrund, und auch die Personenbeschreibung passt: „Groß, kräftig, stark behaart, ungesunde Gesichtsfarbe". Für den knallharten GSG9-Agenten Jochen Dürrmann ist sonnenklar: Herr Carnegiae Gigantae, den er soeben mit Hilfe des türkischstämmigen Streifenpolizisten Cem vor einem Blumenladen verhaftet und ins Wachzimmer verfrachtet hat, ist niemand anderer als Frank Miller alias Abu Mehsud. Ein international gesuchter Terrorist, der ein Attentat auf den Frankfurter Flughafen plant. Geblendet vom greifbaren Ruhm, Tausenden durch die Festnahme das Leben gerettet zu haben, wollen weder die beiden, noch der in gieriger Alarmbereitschaft herbei geradelte BKA-Mann Dr. Schmidt, noch die idealistische Polizeianwärterin Susi wahrhaben, dass es sich beim eisern schweigenden „Gefährder" um einen simplen Kaktus wie aus dem Mexiko-Bilderbuch handelt.

Was hier nach Absurdem Theater der 50er- und 60er-Jahre klingt, ist eine brandaktuelle Satire auf den nach 9/11 leicht paranoid gewordenen Rechtsstaat und seine teils skurrilen überwachungsstaatlichen Auswüchse. Der deutschen Autorin Juli Zeh (*1974) gelang mit der 2009 in München uraufgeführten Terrorfarce das Kunststück, viel Komik in die Staatsbürgerkunde und Themen wie „Ausländer", Islam, Gleichberechtigung von Mann und Frau eingebracht zu haben. Manchmal sticht ihr „Kaktus" im Fleisch eines jeden Demokraten:

Zwischen Kammerspiel und Komödie

Etwa wenn er mit ansehen muss, wie der große grüne Schweiger in einer Abu-Ghraib-Folterszenerie am Ende seine „Arme" lassen muss. Meistens kitzelt Zehs gar nicht zäher „Kaktus" aber nur angenehm. Zumal Regisseurin Esther Muschol ihn als gelungene Mischung aus atemlosem Kammerspiel und absurder Boulevardkomödie auf den „Balkon" des Phönix stellt. Fabian Lüdicke hat dazu einen Raum in den Raum gebaut. Das Publikum sitzt rund um das Verhörzimmer, observiert die Arena gleichsam, in der sich die vier herrlichen Akteure einen Kampf auf Biegen und Brechen mit der Botanik liefern: Theo Helm als hypernervöser „Rambo"-Verschnitt im schwarzen Kampfanzug. Matthias Hack als gutmütigdümmlicher Deutsch-Türke Cem, der mit seinen Sagern in köstlicher „Kanak Sprak" für viele heitere Momente sorgt. TV-„Kieberer" Ferry Öllinger, der sonst in der „Soko Kitzbühel" ermittelt und unter der korrekten Schale des Polizeioberrats gekonnt fast sadistische Abgründe durchschimmern lässt. Und „Susi" Lisa Fuchs als passend hysterische Vertreterin der Spezies Gutmensch.

Verdienter Applaus nach überaus kurzweiligen eineinhalb Stunden.

Der Kaktus und die Demokratie

Claudia Tröster, Krone, 29.01.2011

Österreichische Erstaufführung von Juli Zehs Stück im Linzer Theater Phönix:

Die Hauptperson im neuen Stück des Linzer Theater Phönix schweigt - 90 Minuten lang, mit erhobenen Armen, während rundum die moralischen Werte der Mitspieler durcheinander gerüttelt werden. Am Donnerstag war Juli Zehs Farce „Der Kaktus" über übertriebene Sicherheitspolitik und das Demokratieverständnis der Gesellschaft als österreichische Erstaufführung zu erleben.

Das Linzer Theater Phönix hatte mit der Inszenierung von Esther Muschol Innsbruck und Wien im Rennen um die Erstaufführung geschlagen. Das Thema, dessen sich die Völkerrechtlerin und Starautorin Juli Zeh angenommen hat, ist auch wirklich brisant. Sie hinterfragt die durch die Anschläge vom 11. September 2001 ins Hysterische gesteigerte Terrorangst - und wie sich Prävention mit Menschenrechten und Demokratieverständnis vereinbaren lässt. Zeh tut das auf höchst unterhaltsame Weise.

Der neurotische GSG 9-Neuling Jochen Dürrmann und der tollpatschige Polizist Cem haben den Prototyp eines Terrorverdächtigen verhaftet - einen Kaktus. Das Verhör ist schwierig, denn der Verdächtige schweigt. Auch die politisch durch und durch korrekte Polizeianwärterin Susi und der sendungsbewusste BKA-Experte Schmidt kommen nicht weiter. Ins Kreuzfeuer geraten ihre eigenen Werte.

Esther Muschol hat den mit Krimi-Anspielungen gewürzten Text in einer Peep-Show-Bühne (Fabian Lüdicke) flott inszeniert und auf dem Weg zum Boulevardstück noch die Kurve zur Politfarce gekratzt. Mit ein Verdienst der Akteure Theo Helm, Matthias Hack, Lisa Fuchs und Ferry Öllinger. Unterhaltsam!

Der bedrohliche Kaktus

Wolfgang Schmutz, Der Standard, 01.02.2011

So ein Kaktus vermag Verdacht zu erregen. Vor allem, wenn sein Weg von Mexiko in einen Frankfurter Laden über Afrika, Pakistan und Afghanistan geführt hat. Was Wunder, wenn er da mit einem Terroristen verwechselt wird. In Juli Zehs Posse Der Kaktus mutiert eine Sukkulente zum Staatsfeind - festgenommen von einem Mitglied der Sondereinheit GSG 9 (Theo Helm), festgesetzt mithilfe eines Polizisten türkischer Abstammung (Matthias Hack). Das Kammerspiel über Demokratie und Bedrohung läuft zunächst rasant ab. Doch spätestens als die Polizeianwärterin Susi (Lisa Fuchs) den Raum betritt, enthüllt die Persiflage ihre Schwächen. Zehs witziger Furor basiert auf Gemeinplätzen, irgendwann bleiben aber nur mehr Klischees hängen, und die Moralkeule wird immer offensichtlicher geschwungen. Das Mitzuteilende ist zu oft, zu überdeutlich gesagt worden. Und die pessimistische Schlussstimmung in Sachen demokratisches Empowerment kommt mehr als Schnurre denn als verhandelbare Botschaft daher.

Stacheliger Riesenspaß

Christian Hanna, OÖ Kulturbericht, 01.03.2011

Schon der zweite Renner der Saison ist dem Theater Phönix mit dem Stück Der Kaktus von Juli Zeh gelungen, das sich in bester Komödien- bzw. Farcetradition präsentiert. Die Autorin hat sich nichts um Genregrenzen geschert und von allem das notwendige Beste genommen: die mitreißende Rasanz eines Dario Fo, die traditionellen Paarungen Gescheiter/Blöder und Naive/Machtmensch, die beißende Sozialkritik und den stupenden Wortwitz britischer Vorbilder, Klamauk und Slapstick.

Richtig komisch ernst

Regisseurin Esther Muschol und ihr Ausstatter Fabian Lüdicke sorgten für eine fabelhafte, Lachsalven provozierende Umsetzung des Textes, ohne die bitterböse Grundaussage der fundamentalen Kritik am Überwachungsstaat zu verharmlosen. Worüber man lachen kann, das fürchtet man nicht mehr, scheint der Grundsatz von Autorin und Regieteam zu sein.

Gemäß dem Motto „Richtig komisch sein ist die ernsthafteste Sache" nimmt das Darsteller/innenquartett die verqueren Charaktere, die sie zu verkörpern haben, richtig ernst, kein deplazierter Schmunzler verunstaltet die verkniffenen, angespannten Gesichter. Theo Helm als Jochen Dürrmann von der GSG 9 konnte vor einem Blumenladen einen Terrorverdächtigen festnehmen, und okkupiert nun einen Raum der nächstgelegenen Polizeistation. Mit all der Härte und Humorlosigkeit eines karrieregeilen Militärschädels macht er sich ans Verhör des Verhafteten, assistiert vom Streifenpolizisten Cem. Matthias Hack verleiht diesem beinahe analphabeten Hauptschulabgänger mit Migrationshintergrund ein unschuldig-ahnungsloses Machog'schau mit perfekt durchgezogener KanakSprak, als wär's ein Teil von ihm. Doch trotz gemeinsamer schweißtreibender Anstrengung schweigt der Verdächtige, ist nicht einmal bereit, sich zu setzen. Kein Wunder, handelt es sich doch um einen übermannshohen Wüstenkaktus. Auch die Polizeianwärterin Susi kann so mit Verständnis und Einfühlungsvermögen nichts ausrichten.

Lisa Fuchs zeigt sie als in ihrem Bemühen verkrampfte junge Frau, gebildet, aus „gutem Haus", die aufgrund ihrer demokratischen Gesinnung den Polizeidienst gewählt hat.

Tohuwabohu

In ihrer Anwesenheit läuft Cem zu Höchstform auf, brilliert als gefühlsbetonter Frauenversteher. Schließlich macht Dr. Schmidt vom BKA, den Dürrmann zu Hilfe gerufen hat, das Chaos perfekt. Ferry Öllinger legt die Lächerlichkeit dieses Karrieristen bloß, der zwar keine Ahnung hat, aber es versteht, jeden kleinen Erfolg Untergebener sofort auf seine Fahnen zu heften. Unter seiner Leitung eskaliert die Situation völlig. Um auch Susi von der Notwendigkeit der Folter überzeugen zu können, lässt er die Zahl der möglichen Opfer ins Gigantische wachsen.

Um das Tohuwabohu zu beenden, lässt die Autorin nun eine übergeordnete Macht als deus ex machina die vier ermorden; ein etwas unbefriedigender Schluss.