Sujet: Dini Hroß
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Die Zofen

mit Matthias Hack, Theo Helm , Ferdinand Kopeinig
Regie: Eva Hosemann
Bühne: Stephan Bruckmeier
Kostüme: Christina Kämper
Lichtgestaltung: Christian Leisch, Hubert Schwaiger
Sounddesign: Armin Lehner
Premiere: 11.02.2009 Saal

Wenn Madame die Wohnung verlässt, schlägt die Stunde ihrer Zofen. Die in Hassliebe miteinander verbundenen Schwestern Claire und Solange zelebrieren dann das Spiel „Gnädige Frau und Zofe“, ein Ritual von Herrschaft und Knechtschaft, Demütigung und Erduldung, Unterdrückung und Gehorsam. Durch eine anonyme Denunziation haben sie die Verhaftung des gnädigen Herrn bewirkt und können ihn nun in ihren heimlichen Träumen aufopfernd begleiten. Aber die Freude ist nur von kurzer Dauer: der gnädige Herr kommt wieder auf freien Fuß und aus Angst, in ihrem Hass entdeckt zu werden, beschließen sie, die gnädige Frau zu vergiften. Als der Mordversuch misslingt, sehen sie sich allerdings gezwungen, Konsequenzen zu ziehen.

Auf der Hintertreppe eines Kriminaldramas werden anarchische Urtriebe ausgespielt und mit eiskalter, amoralischer Logik abreagiert: als faszinierendes Ritual der Perversion, Mordlust und des Hasses. 

In "Die Zofen“ liefert der französische Autor und Enfant terrible Jean Genet ein gutes Beispiel für die Parallelität von Sein und Schein, Imaginärem und Realität. Um diese auf die Spitze zu treiben, forderte er, dass sämtliche Rollen von Männern gespielt werden sollten. „Zwar kann eine Schauspielerin spielen, dass sie Solange ist: aber die Irrealisierung wäre nicht radikal, weil sie ja nicht zu spielen brauchte, dass sie eine Frau ist.“

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Sujet: Dini Hroß
© Christian Herzenberger
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Pressestimmen

Die Zeremonie der Verletzungen

Wolfgang Schmutz, Der Standard, 13.02.2009

Jean Genets "Die Zofen" im Theater Phönix in Linz unter der Regie von Eva Hosemann

An Gefängnissen hat sich Jean Genet wahrlich abgearbeitet. Stephan Bruckmeiers Bühnenbild findet eine schlichte Umsetzung für diese biografische Bedingtheit des OEuvres: Er lässt die Zofen zwischen Gitter-stäben wüten, in der Enge bürgerlicher Konventionen. Zugleich verweist das Gerüst auf die zu erwartende Konsequenz des amoralischen Treibens. 

Dieses fußt zudem auf einer wahren Begebenheit, die Genet als Ausgangspunkt seines Schauspiels benutzte. In der französischen Provinzstadt Mans begingen die Geschwister Papin, Dienstmädchen, einen Ritualmord an Mutter und Tochter der Familie. Genet übertrug dies in seine "Zeremonie", die an schwarze Messen ebenso erinnert, wie an sadomasochistische Rituale. Claire (Matthias Hack) gibt die "Gnädige Frau", Solange (Theo Helm) schlüpft in die Rolle der Schwester. 

Dieses diabolische Spiel ist in der Regie Eva Hosemanns körperlich angelegt. Große Gesten stehen den kleinen Verletzungen ebenbürtig gegenüber. Theo Helms Knickse sind mehr Drohung als devote Resignation. Matthias Hack changiert derweil als Claire in der Rolle der Hausherrin gekonnt zwischen Aggression und Attitüde. Insgesamt lässt das Duo dem Balanceakt des Wahnsinns Entschlossenheit angedeihen. Sie füttern die Frauenrollen, die der Autor mit männlichen Schauspielern besetzt haben wollte, mit mordlüsterner Virilität. 

Mit Grandezza gibt schließlich Ferdinand Kopeinig die gnädige Frau. Mehr noch demaskiert er mit chauvinistischer Nachlässigkeit das Verhältnis der Dame zu ihren Bediensteten. Während die Kostüme (Christina Kämper) der Schwestern die Abscheu ihrer Trägerinnen kaum verhüllen können, löst Kopeinig die Travestie in gelungene Authentizität auf. 

Die Domestiken proben den Aufstand

Andreas Hutter, Neues Volksblatt, 13.02.2009

Premiere: „Die Zofen“ von Jean Genet als intensives Kammerspiel mit exzellenten Darstellern im Linzer Theater Phönix

Zugegeben: Die Ankündigung, „Die Zofen“ gemäß den Anweisungen ihres geistigen Dienstherrn Jean Genet nur mit Männern zu besetzen, ließ Befürchtungen aufkommen, sie könnten womöglich in Richtung Travestie abdriften. Dass es in den 80 Minuten letztlich aber überhaupt nicht „tuntig“ zugeht, liegt an den drei exzellenten Darstellern ebenso wie an der dichten Inszenierung durch Eva Hosemann.

Die deutsche Regisseurin gestaltete die 1947 uraufgeführten „Zofen“ zum kühlen psychologischen Kammerspiel aus, dessen Stoff immer noch irritiert: 1933 ermordeten zwei Dienstmädchen in Le Mans scheinbar unmotiviert ihre Dienstgeberin. Ein Jahrzehnt danach schuf der Pariser Jean Genet (1910— 1986), der sich zeitlebens mit denen „ganz unten“ beschäftigte und zeitweilig auch selbst dort war, daraus ein vielschichtiges Skandalstück über Herrschaft und Abhängigkeit, Spiel und Realität. 

„Sie liebt uns wie ihre Sesseln“, sagt die resolute Zofe Solange zu ihrer sanfteren Schwester Claire. Nur ein Grund, warum die ihres Domestiken-Daseins Überdrüssigen gegen die „gnädige Frau“ den Aufstand proben.

Sobald ihre Herrin aus dem Haus ist, zelebrieren sie das Rollenspiel: Dann wird Claire zur herablassenden gnädigen Frau. Parodiert madamiges Gehabe, indem sie deren Abendgarderobe anlegt und Sprüche wie „Durch mich allein kommt der Zofe ihr Dasein zu“, klopft. Solange gibt derweil mit artigem Knicks ihre devote, gleichwohl aufsässige Bedienerin. 

Ernstfall scheitert auf groteske Weise 

Doch ist dies alles nur Vorbereitung auf die Ermordung der gnädigen Frau. Aber was bei der theatralischen Probe so leicht von der Hand ging, scheitert im Ernstfall auf groteske Weise: Die Hausherrin entschwindet durchs Boudoir, den vergifteten Tee Tee sein lassend. Als die Intrige aufzufliegen droht, setzt Claire dem bösen Spiel ein — im Phönix fast thrillerhaftes — Ende, das die gar zu theatralische Schlussmusik nicht gebraucht hätte. 

Die Regie setzt ganz auf die psychologischen Prozesse zwischen dem in Hassliebe aneinandergeketteten mörderischen Paar und das intensive Spiel der Akteure. Ohne sich auf spekulativ Erotisches einzulassen, entstehen Momente ansatzweiser Nähe, die hart mit genüsslich ausgespielter Unterwerfung kontrastieren. Visuelle Entsprechung findet dies in unaufdringlichen Kostümen (Christina Kämper) und dem passend als Käfig angelegten Bühnenbild Stephan Bruckmeiers, in dem die Domestiken quasi „gehalten“ werden. 

Theo Helm (Solange) und Matthias Hack (Claire) lassen sich mit Hingabe auf dieses Wechselbad der Gefühle ein. Der kantige Helm wirkt gefährlich, beherrscht die Szene mit schöner Sprache und großer Bühnenpräsenz. Aber auch Hack gelingt das überkandidelte Nachäffen der Herrin genauso wie das schlagartige Kippen in den ernsten Ton der Selbstbespiegelung. Ferdinand Kopeinig geht am besten als Frau durch: Im schwarzen Hosenanzug gibt er die gnädige Frau als Diva und elegante Bissgurn, die sich in eitlen Posen gefällt. 

Absolut unverdient: der zaghafte, laue Applaus durch das Premierenpublikum.

Christian Hanna, OÖ Kulturbericht, 01.03.2009

Das Theater Phönix bietet eine Wiederbegegnung mit Jean Genets frühem Erfolgs- wie Skandalstück Die Zofen. Die Inszenierung des Werks durch Eva Hosemann folgt ganz dem Kommentar des Autors, der meinte, Vorbilder beim Schreiben seien die katholische Messe und das Rollenspiel von Kindern gewesen. Außerdem ist der Text von einem realen Mordprozess gegen zwei Dienstmädchen-Schwestern 1933 in Mans inspiriert. So wird der Abend von lauter Kirchenmusik ein- und ausgeleitet, so wirkt Solange anfangs wie auf ein Kreuz gespannt, gefoltert von Claire, so spielen die beiden Zofen in einem bedrückenden Käfig aus Gerüstelementen ihr Rollenspiel: das Spiel von der Herrin, die von ihrer Zofe verdienterweise – wegen der schlechten Behandlung, die sie erfährt – ermordet wird, während sie vor der gnädigen Frau ständig knicksen. Die beiden zelebrieren den Mord immer wieder, um die Tat auch wirklich ausführen zu können, schonen einander dabei nicht. Doch als endlich der Moment der Durchführung naht, kann sich Madame dem Giftanschlag entziehen – die Zofen spielen bis zum tödlichen Ende weiter: Claire stirbt für ihre Gnädige Frau.

Wie von Genet verlangt, werden die drei Frauenrollen traditionellerweise von Männern gespielt; so auch in dieser Inszenierung. Alle drei bringen große Schauspielkunst, wirken nie tuntig. Matthias Hack und Theo Helm sind Claire und Solange, so unterschiedlich und so aufeinander angewiesen und übereingestimmt. Beide zeigen ein großes Repertoire von feinfühlig bis gnadenlos, vom Kammerton bis großer Arie, sind die Kampfhennen im Käfig und die Liebenden. Eine Klasse für sich ist auch Ferdinand Kopeinig als Gnädige Frau: Grand Dame und naives Weibchen, das die Männer locker um den Finger wickelt. Küss die Hand!

Lass uns das Morden spielen

Inez Pölzl, Österreich, 13.02.2009

Kritik: „Die Zofen" von Jean Genet im Theater Phönix

Macht und Unterdrückung sind die Themen, die Eva Hosemann in ihrer Regie herausarbeitet.

Linz. Wenn die Gnädige Frau das Haus verlässt, spielen die Zofen Claire und Solange ihre „Zeremonie": Dienerin und Herrin. Und immer endet das Ritual von Herrschaft und Knechtschaft damit, dass die Gnä' Frau umgebracht werden soll. Das einstige Skandalstück Die Zofen hatte am Mittwoch im Phönix Premiere. Eva Hosemann inszeniert werkgetreu, sprich, sie besetzt alle Rollen mit Männern - so wie Autor Jean Genet es gewünscht hat. Zwei Männer als Zofen, die vor ihrer Chefin buckeln? Das könnte leicht ins Travestieeck abdriften, tut es aber nicht. Im Gegenteil schafft es einen freien Blick auf die Strukturen von Macht und Abhängigkeit. Matthias Hack und Theo Helm quälen und lieben sich, Ferdinand Kopeinig ist total Etepetete. Grandios! Bis auf das etwas zu beiläufige Ende.

Die Erniedrigten und Entrechteten

Silvia Nagl, OÖN, 13.02.2009

 „Die Zofen“ von Jean Genet: Das einstige Skandalstück wird im Theater Phönix wie eine schwarze Messe der Fantasie von Möchtegern-Kriminellen zelebriert: mit Spannungen und Fragezeichen. 

„Die Zofen“ wurden nach ihrer Uraufführung in Paris 1947 zum Skandal: Wegen Jean Genets Vorliebe für Brutalität und außerdem ließ der Autor sich von einem realen, die Burgoisie erschütternden Mordfall inspirieren. Zwei Schwestern, die als Zofen arbeiteten, ermordeten ihre Arbeitgeberin und deren Tochter. So hat Genet „Die Zofen“ als Frauen gezeichnet, die sich in Liebe und Hass ihrer Herrin unterwerfen, ihr aber auch den Tod wünschen.

In ritualisierten Spielen wechseln sie, sobald alleine daheim, die Rollen, und wollen die von ihnen dargestellte Herrin umbringen. Der Mut zum letzten Schritt aber fehlt, eine der Zofen stirbt an der für die Herrin gedachten Giftmischung. Längst hat das Stück den provokanten Tabubruch abgelegt und ist zum oft gespielten und in allerlei Richtungen interpretierten Stück für drei gestandenen und erfahrenen Schauspielerinnen geworden.

Doch Regisseurin Eva Hosemann hat sich für eine Version entschieden, wie Genet sie ursprünglich wollte: Die Rollen mit Männern besetzt und „jeder Schauspieler muss die Rolle einer Figur spielen, die eine Rolle spielt.“ Das funktioniert recht gut: Der große, kräftige Matthias Hack und der kleine, quirlige Theo Helm sind schon äußerlich ein gegensätzliches Paar, was sich in den dargestellten Charakteren fortsetzt: Der eine schwerfälliger Haudrauf, der andere ungeduldiger Beißer.

Doch ständig präsent ist der Seiltanz zum tuntigen Getue eines „Käfigs voller Narren“, wohin immer wieder einer mit einem Fuß im Stöckelschuh oder einem zu sehr weggespreizten Finger doch abgleitet. Das wiederum macht dem Publikum Spaß, das ansonsten an diesem eineinhalb Stunden dauernden Theaterabend kaum etwas zu lachen hat: So darf beim kurzen Auftritt von Madame Ferdinand Kopeinig, der den eleganten Hüftschwung ebenso drauf hat wie das pikierte G’schau der Madamig Eingebildeten, auch befreit gelacht werden.

Sonst aber geht’s eher mit Ernst und Brutalität zur Sache. Das Konversationsstück ist ein intimes, in den Abläufen präzise zu inszenierendes Kammerspiel auch und vor allem der feinen Zwischentöne, leisen Regungen und psychologisierenden Tiefe und Schärfe. Und da stoßen die Schauspieler schon auch stellenweise an ihre darstellerischen und sprachlichen Grenzen. Überzeugend gelingt die Verhärmtheit der Erniedrigten und Beleidigten, die Ohnmacht und Ausweglosigkeit der Entrechteten. Und jene auch homoerotische Symbiose, die in sadomasoähnlichen Brutalszenen ihren Ausdruck findet. Die lässt Hosemann gleich anfangs als sakral-erotisches Bild zelebrieren. Genau das ist es wiederum, was diese Aufführung noch näher an Genet bringt: Hat der sich doch für seine „Zofen“ auch von katholischer Messe beeinflussen lassen, wie er selbst sagte.

In diesem Sinne ist diese Inszenierung schlüssig: Die Zofen wollen gar keine Veränderung, sie feiern so etwas wie eine schwarze Messe ihrer Vorstellungskraft. Dazu passend das Bühnenbild von Stephan Bruckmeier: ein Käfig, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Ob es tatsächlich klug ist, Genets – vielleicht auch aus homosexueller Vorliebe entstandenen – Besetzungswunsch mit Männern nachzugeben, sei aber doch in Frage gestellt.

Genets Männerdrama „Die Zofen“ im Linzer Phönix-Theater: Ex-Skandalstück als „Klassiker“ Es war einmal ein Skandalstück: Jean Genets „Die Zofen“ steht ab sofort auf dem Spielplan des Linzer

Milli Hornegger, Krone, 13.02.2009

Genets Männerdrama „Die Zofen“ im Linzer Phönix-Theater:

Es war einmal ein Skandalstück: Jean Genets „Die Zofen“ steht ab sofort auf dem Spielplan des Linzer Phönix-Theaters. Mittlerweile hat das Schicksal – oder die Zeit oder das Leben? – das einstmals radikale, anarchische Rollenspiel eingeholt. Aus dem Ritual der Perversion ist fast so etwas wie ein Klassiker geworden …

Claire und Solange sind Zofen. Sobald die Gnädige Frau außer Haus ist, beginnen sie ihr ganz persönliches Spiel um Knechtschaft, Erniedrigung, Unterdrückung, Demütigung. Aber die beiden sind nicht nur Opfer, sondern auch willensstarke Täter. Nicht nur, wenn sie ihre „Rollen-Spielereien“ umdrehen, sondern auch, wenn sie den Herrn des Hauses skrupellos der Justiz ausliefern …

Regisseurin Eva Hosemann hat die eigenwillige Anweisung Genets befolgt und alle drei Rollen mit Männern besetzt. Matthias Hack ist im Käfig-Bühnenbild von Stefan Bruckmeier eine überwiegend dominant Claire, Theo Helm eine sadomasochistische Solange. Ferdinand Kopeinig sorgt als Gnädige Frau für Lacher (von denen ich nicht sicher bin, ob sie gewollt waren). Inszenierung wie Spiel kommen ohne gröbere Höhen oder Tiefen daher, einzig das Finale lässt Hosemann in schauriges Pathos abdriften. Habe ich da irgendetwas nicht begriffen?