Sujet: Dini Hroß
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Alles Helden

mit Margot Binder, Helmut Fröhlich , Matthias Hack , Ingrid Höller , Theo Helm , Eckart Schönbeck
Regie: Stephan Bruckmeier
Bühne: Stephan Bruckmeier
Kostüme: Christina Kämper
Lichtgestaltung: Gerald Kurowski
Musik: Theo Helm
Uraufführung: 24.11.2005 Saal

Die Schmidtkes haben Probleme. Tochter Lydia ist an einem Scheideweg angelangt. Ihre Beziehung mit Langzeitfreund Benno steht vor dem Aus, die berufl iche Orientierung gestaltet sich mehr als schwierig. Vater Dieter, der kurz vor seiner Pensionierung den Arbeitsplatz verliert, ergeht sich in Selbstmitleid, und Mutter Helga, selbsternanntes Obertier der Familie, verliert zunehmend die Kontrolle über ihre Familie und die Freude daran, Feste zu feiern. Auch Vorzeigesohn André, der erfolgreiche Arzt, benimmt sich „irgendwie komisch“ und scheint einiges zu verheimlichen. Sie alle spüren, dass sich etwas verändern muss, ihnen allen erscheint die Situation zu Hause und im Leben zunehmend unerträglich. Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Stagnation trifft Lydia zufällig auf einen rätselhaften Mann, dessen radikales Denken und Handeln nicht nur ihr Leben in andere Bahnen lenkt, sondern auch das ihrer Familie in Unordnung bringt. Unaufdringlich, doch konsequent entlockt er seinen Mitmenschen Gedanken und Wahrheiten, die sie sich selbst nicht eingestehen wollen, bis ein folgenschweres Ereignis sie dazu zwingt, das eigene Leben endlich in die Hand zu nehmen. 

 

Andreas Jungwirths Helden sind keine Supermans oder Supergirls. Humorvoll und augenzwinkernd zeigt er Alltagsmenschen, in sich Gescheiterte, denen nicht zuletzt auch der Zufall hilft, endlich das zu denken, das zu sagen, das zu tun, was sie wirklich wollen. Ein tragikomisches Heldenstück, das in all seiner Komik auch nachdenklich macht und dem Leben und Sterben auf den Zahn fühlt.

Fotos

Sujet: Dini Hroß
© Christian Herzenberger
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Pressestimmen

Bittersüßer Lebensbrei

Anton Gugg, Der Standard, 26.11.2005

Das Beziehungsmüllstück „Alles Helden“ des Wahlberliners Andreas Jungwirth weckt im Linzer Theater Phönix wahre Uraufführungsfreuden: Stephan Bruckmeier inszeniert Trugbilder.

Man liebt sie irgendwie, die vorabendlichen TV-Sitcoms, deren synthetischen Gags automatisch Publikumslacher aus dem Off folgen. 

Ein wenig an ein Abziehbild jener betont absurd-harmlosen Querelenlandschaft aus dem mittelständischen Familien-Alltagsleben erinnert die jüngste theatralische Arbeit des Linzer Autors Andreas Jungwirth. Allerdings gelingt es dem Wahlberliner, über seine unterhaltsame Mikroszenenfolge Alles Helden einen Hauch von melancholischer Botho-Strauß-Analytik postmodern-urbaner Lebens-Inhaltslosigkeit zu legen. 

Angestelltenexistenz 

Bei der Erstverkostung des breit ausgewalzten, mit etwas viel Dialogmehl gestreckten Lebensekelbreis im Linzer Theater Phönix fiel vor allem der geschickte Umgang von Regisseur und Bühnenbildner Stephan Bruckmeier mit den Belanglosigkeiten am Abgrund entlangdriftender Angestelltenexistenzen auf. Lichtgestalter Gerald Kurowski arbeitet mit blitzschnell wechselnden Farbspielen auf der abschüssigen Showtreppe des Lebens den dramaturgischen Absichten in die Hände. Auffallend auch die Präzision und Lockerheit, mit der das exzellente Phönix-Darstellersextett die Phraseologie des Banalen auskostete und zugleich als Maske menschlichen Unvermögens enthüllte. 

Jungwirths szenische Konfettitechnik streut im Minutentakt dem Publikum allzu Bekanntes und dadurch Erschreckendes entgegen. Ein kleiner Kreis von Familienmitgliedern und Bekannten, allesamt Opfer und Betreiber prekärer Verhältnisse, taumelt von einer peinlichen Situation in die nächste. 

Es geht um jederzeit möglichen Sozialabsturz, suggerierte Beziehungen, verdrängten Krebs, kleine Alkoholfluchten, unterschwellige Gewalt und die gute Chance, irgendwann Opfer eines Terroranschlags zu werden. Mit dem Gespenst des allgegenwärtigen Todes wird kokettiert. Fast macht sich Enttäuschung breit, wenn die Erlösung nicht gleich eintritt. Mittendrin taucht eine männliche Rätselgestalt mit provozierender Geradlinigkeit auf. 

Die Reibung an diesem Flaneur im weißen Anzug erzeugt Trugbilder der Emotionalität. Alle Figuren dieses schicken Totentanzes in der Tradition der „großen“ Moderne haben den meistgebrauchten Selbstschutzsatz „Es tut mir Leid!“ im kahlen Sprechrepertoire. Dieses „Sorry“ wird raffiniert ausgeleuchtet. Das reicht doch für einen interessanten Abend.

Irgendwie ist alles etwas komisch 

Silvia Nagl, OÖN, 26.11.2005

Uraufführung von „Alles Helden“ des seit 1996 in Berlin lebenden Linzer Autors Andreas Jungwirth (38) am Donnerstag im Linzer Theater Phönix: ein heftig beklatschtes Stück über Helden des Alltags. 

„Alles Helden“ ist ein Stück über die ganz normalen Helden des Alltags, wobei ein Held in jenem Sinne zu sehen ist, wie ihn der Volksmund als „so ein Held“ bezeichnet, nämlich als genaues Gegenteil eines Heroen. Es ist das Stück eines überaus begabten Dialogschreibers, der das verbale Ping-Pong-Spiel perfekt beherrscht. Und außerdem seine Figuren sehr genau zeichnet, ihnen Geschichte, Kontur und Charakter gibt. Jungwirth weiß Bescheid über die Unzulänglichkeiten und Eitelkeiten der Menschen, über ihre Versagensängste und ihr vielsagendes Schweigen. 

Regisseur Stephan Bruckmeier nimmt für sein kongeniales Regiekonzept die Ping-Pong-Situation auf, entwickelt eine Inszenierung mit Tempo, lässt aber auch Platz für berührende und melancholische Szenen. Der klug gelöste Bühnenraum – eine Säulenhalle mit Freitreppe, die Ortswechsel und verschiedene Personenkonstellationen in Sekundenschnelle zulässt – symbolisiert gleichsam das ewige Auf und Ab des Lebens. „Irgendwie ist alles immer etwas komisch“ wird zum Standardsatz in diesem Stück, und sehr oft ist die Folge dieses Nicht-Verstehens auch das Schweigen der Figuren. Jene Momente, in denen nichts gesagt wird, gehören zu den vielsagendsten Szenen. 

Ein motiviertes, vom Regisseur genau geführtes Schauspielteam: Ingrid Höller großartig als tragisch-komisches Muttertier, Helmut Fröhlich als Vater mit der Renitenz und Bockigkeit des Alters. Margot Binder als Tochter: eine junge Frau auf Sinn- und Liebessuche (bitte aufpassen, denn die zu oft in Abwehrbewegung abgespreizten Hände scheinen langsam zum Manierismus zu werden), Eckart Schönbeck als erfolgreicher Sohn, Matthias Hack als hektischer Freund der Familie. 

Spannen aufgebaut 

Sie alle eint die unausgesprochene Beziehungssehnsucht und zugleich die Angst vor Nähe. „Wollen Sie die Wahrheit hören?“ – „Nein, lieber nicht“ ist ein Dialog im Stück: Er steht für die gesamte Situation dieser Familie. Und dann noch ein Mann auf der Bank in der U-Bahn-Station: geheimnisvoll, fast diabolisch, geschmeidig in Darstellung und Bewegung Theo Helm. Die Geschichte und auch die Bühnenumsetzung sind – bis auf den nicht ganz schlüssigen Schluss – spannend aufgebaut. Dank für das ausführliche Programmheft samt Stückabdruck.

Von der Schwierigkeit, sein Leben zu leben 

Birgit Thek, Neues Volksblatt, 26.11.2005

„Alles Helden“ am Linzer Theater Phönix: Nachdenklich machende Uraufführung von Andreas Jungwirth 

Als junges Mädchen hat Lydia beim ritualisierten Familienspiel noch gewusst: „Ich feiere, dass ich lebe.“ Nun, nachdem sie ihr Studium absolviert hat, ist ihr diese Gewissheit abhanden gekommen. Sie weiß nicht wohin – weder beruflich noch in der Beziehung zu ihrem Freund Benno. In ihrer Familie ist sie nicht allein mit ihrer Orientierungslosigkeit. Der Vater, arbeits- und damit aus seiner Sicht nutzlos geworden, steht ebenfalls vor einem Wendepunkt. Auch Bruder André ist trotz beruflicher Erfolge nicht glücklich, verstrickt in Schuldgefühle nach einem Motorradunfall mit Benno. 

Ein Fremder in aus der U-Bahn 

Vierte im Bunde ist Mutter Helga, die immer hilfloser versucht, die vermisste Harmonie herbeizubeschwören. Da begegnet Lydia in der U-Bahn einem Mann, der zum Katalysator für all des Ungesagte, nur Gedachte wird. Seine Fragen bringen das familiäre Geflecht ins Wanken und letztlich alle dazu, ihre Sehnsüchte zumindest für sich selbst zu artikulieren. 

Autor Andreas Jungwirth denunziert seine Figuren nicht. Er zeichnet schlüssig das nicht nur in dieser Familie herrschende Unvermögen, miteinander zu reden und wirklich zuzuhören, die tastenden Versuche Lydias und des Vaters, Bilanz zu ziehen und sich neu zu definieren. Regisseur Stephan Bruckmeier hat für seine Parabel eine stimmige, ins Künstliche überhöhte Umsetzung gewählt. Er lässt die Protagonisten auf einer von Säulen begrenzten Treppe agieren, während der undurchsichtige Fremde auf seiner U-Bahn-Bank darüber thront und mit seinen Thesen über glückliches Sterben irritiert. Theo Helm verleiht ihm die entsprechende geheimnisvolle Kontur; der Schauspieler steuerte auch die atmosphärisch untermalende Musik bei. 

Die als „Helden des Alltags“ um Glück und Authentizität kämpfenden Familienmitglieder kommen glaubhaft über die Rampe: Helmut Fröhlich als Vater, der sich berührend aus dem Verstummtsein herausquält, Ingrid Höller als im selben Bemühen Scheiternde, Eckart Schönbeck als hilfloser André und Matthias Hack, der noch hilflosere Benno. Margot Binders Lydia belegt einmal mehr, dass diese junge Schauspielerin ein Gewinn für das Ensemble ist. 

Vom Gros des Publikums wurde das Stück am Donnerstag mit Jubel bedacht, bei denjenigen, die Einwände hatten, hat es ein Nachdenken erreicht – und das ist heute im Theater sehr viel.

Familiärer Dreigroschenroman

Milli Hornegger, Krone, 26.11.2005

Jungwirth-Uraufführung im Theater Phönix: „Alles Helden“ 

Uraufführung von Andreas Jungwirths „Alles Helden“ im Linzer Phönix-Theater: Was sich anfänglich durchaus als tragikomisches Heldenstück anpreist, wird im Laufe der Inszenierung zu einem ermüdenden Dialogstück über das ewige Thema: Familie und Beziehungsflechtwerk als Dreigroschenroman. 

„Komisch“ kommt diese Uraufführung daher – um eines der Jungwirth'schen Lieblingswörter aus „Alles Helden“ zu zitieren. Dabei macht der erste Eindruck neugierig. Die Bühne ist eine verkehrte Walhalla-Treppe: unten die Biederwelt, oben die U-Bahnstation. Das Stück hat ein Augenzwinkern, es hat Humor   - aber es hätte dringend eine Dramaturgie gebraucht, die es reduziert und einköchelt. Und einen Regisseur, der einen deutlich energischeren Zug zum Ziel an den Tag legt. Dass so gut wie nichts gestrichen wurde, war keine gute Idee... 

Was der Inszenierung von Stephan Bruckmeier fehlt, sind Höhepunkte. Und seine schauspielenden Helden Helmut Fröhlich, Margot Binder, Eckart Schönbeck, Großstadtindianer Matthias Hack und Theo Helm wirken bisweilen recht verloren auf den gelben Stufen. Ingrid Höller gibt der Mutter zumindest karikaturenhafte Züge.