Sujet: Dini Hroß
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6 and the City

ein Dramensampler zu und über Linz

mit Margot Binder, Helmut Fröhlich , Matthias Hack , Ingrid Höller
Regie: Steffen Höld
Ausstattung: Michaela Mandel
Lichtgestaltung: Christian Reisenberger
Musik: Kurt Bauer, Richard Winkler
Uraufführung: 02.11.2004

6 and the city

6 Uraufführungen zu und über eine City namens Linz. 

Die Eröffnungsproduktion der neuen Studiobühne zeigt die Stadt aus der individuellen Sicht von 6 Gegenwartsautoren. Sie haben die unterschiedlichsten Aspekte der Erlebnis-, Kultur-, Bürger-, Arbeiter-, Führer- und Provinzstadt Linz aufgegriffen und zu jeweils 15-minütigen Shortcuts verarbeitet. Entstanden ist eine sowohl inhaltlich wie auch formal breitgefächerte „Linzanthologie“, die sich vom AEC zum Harter Plateau, vom Schwulenstrich zur Familienfeier, von der Linzer Torte zum Voeststahl, von der Sprechoper zum Volksstück spannt - poetisch, kritisch, satirisch, witzig, surreal.

 

Track 1 - Schneewittchen und die Stahlkocher 

Märchenmotive, Voestalpineprodukte, historische Ereignisse, Tiefgaragenstandorte, Konditorerzeugnisse, Kommunikationsfloskeln, Schimpfwörter, touristische Sehenswürdigkeiten u. a. bilden das Ausgangsmaterial für Margret Kreidls Sprech- und Sprachoper. Wörter, Satzfetzen und Erzählpassagen fügen sich zu einer polyphonen Komposition unterschiedlichster Stimmen, die mit wortgewaltigem Sarkasmus Heimatkitsch, Fortschrittswahn und das Stereotype zwischenmenschlicher Beziehungen entlarven.

 

Track 2 - Linz Talk Live 

In ihrer Persiflage auf Linzer Großmannssucht, Provinzneurosen und Vergangenheitsverdrängung, die mit Seitenhieben auf die aktuelle Medien- und Stadtpolitik nicht geizt, versammelt Elisabeth Vera Rathenböck den Bürgermeister, eine Architektin und die Stadt Linz im Fernsehstudio. Alle Versuche, sich auf ein mögliches Thema für den fünfminütigen Live-Talk zu einigen, scheitern, da keiner etwas von Sendkonzept, Anschlussfähigkeit, Message, Image, und Kommunikationsrichtlinien wissen will. Der Moderator gerät ins Schwitzen, die Situation eskaliert. 

 

Track 3 - Teim 

Wäre es nicht schön, die Zeit um 30 Jahre zurückdrehen zu können? Oder kurz mal einen Blick in die Zukunft zu werfen, was das Leben noch für einen bereit hält? Volker Schmidt lässt ein junges Paar aus 70ern im Jahr 2004 auf sich selbst treffen. Die Konfrontation zwischen jugendlichem Überschwang und Altersresignation, romantischer Leidenschaft und abgeklärtem Beziehungspragmatismus, Drogenexzess und Pensionistenfadesse unterzieht Partnerschaft, Identitätsbewusstsein und Lebenseinstellung auf beiden Seiten einer harten Prüfung.

 

Track 4 - Volksgarten 

Spazieren gehen in Linz ist für das alteingesessene Ehepaar Dieter und Helga aufgrund der sich rapide vermehrenden „Neubauscheußlichkeiten“ kompliziert geworden. Einzig und allein der Volksgarten wird ab und zu noch aufgesucht. Dort treffen sie auf Andre und Marlene, die sich seit Ewigkeiten kennen und dennoch nichts mehr voneinander wissen. Während die beiden Männer wie verabredet im Gebüsch verschwinden, entdecken die Frauen, dass sie trotz eklatanter Unterschiede doch einiges gemeinsam haben.

Andreas Jungwirth zeichnet in seinen durch Reduktion kraftvollen Dialogen das Aufeinandertreffen völlig konträrer Lebenswelten, die eine Stadt wie Linz hervorbringt. Der Treffpunkt Volksgarten wird zu einem kafkaesken Kosmos voll subtilem Witz mit Figuren und Situationen, denen man tagtäglich auf der Straße begegnet.

 

Track 5 - Linzer Torte. Farcekantate 

Rudolf Habringer hat Gerhard Fritschs Österreichmetapher des Punschkrapferls - außen zuckrig rosa, innen braun aus alkoholgetränkten Resten – für Linzer Verhältnisse adaptiert. Die liebliche Linzer Torte steht in seiner ansonsten deftigen Sprechoperette für bornierte Weltsicht und ungeliebte Altlasten, die in picksüßer traditioneller Form an die nächste Generation weitergegeben werden. 

„Glücklich is(s)t, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“, lautet der Wahlspruch des Tortenfabrikanten Tobner, dessen Beförderung zum Kommerzialrat kurz bevor steht. Die Freude darüber ist allerdings nicht ungetrübt: Zunächst muss noch ein ungeliebtes Stückchen Vergangenheit in der Familiengeschichte ein für allemal „bewältigt“ werden. Also versammelt sich die ganze Sippschaft, inklusive Sohn seiner aus Schiedlberg „zuagroasten“ Freundin, um dieses Relikt aus der Welt zu schaffen.

 

Track 6 - Geschichten aus Linz 

Gerlinde Obermeir hat in ihren tagebuchartigen Texten vor allem ihre subjektiven Erfahrungen mit Linz, der Stadt und ihren Menschen, verarbeitet. Humorvolle Einblicke in den Linzer Alltag, apokalyptische Ausblicke auf die Linzer Zukunft, zynische Seitenblicke auf die Linzer Society, resignative Rückblicke auf die eigene Vergangenheit finden ebenso Platz wie zutiefst poetische bzw. beinhart realistische Betrachtungen der Kunst, der Literatur, des Lebens und des Menschseins an sich.

Fotos

Sujet: Dini Hroß
© Christian Herzenberger
© Christian Herzenberger
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© Christian Herzenberger
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Pressestimmen

Die alte Dame Linz mag man eben

Silvia Nagl, OÖN, 04.11.2004

Vergnügliche und kurzweilige Uraufführung von "6 and the City" am Dienstag im Linzer Theater Phönix. Die Hauptperson ist eine in die Jahre gekommene Dame, die schon viel erlebt und noch Vieles vor sich hat: die Stadt Linz. 

Schon alleine für die Idee gebührt Sonderapplaus: Fünf Autoren - Margret Kreidl, Elisabeth Vera Rathenböck, Rudolf Habringer, Andreas Jungwirth, Volker Schmidt - wurden gebeten, ein kurzes Stück mit Linz-Bezug für vier Personen zu schreiben. Zusätzlich zu diesen fünf Stücken wurden noch Auszüge aus dem Buch "Linzer Ei" der 1984 mit 42 Jahren aus dem Leben geschiedenen Linzer Autorin Gerlinde Obermeir genommen. Somit der geschickt gewählte Titel "6 and the City", also sechs Autoren und die Stadt.

70er-Jahre-Grässlichkeiten 

Das alles hat Regisseur Steffen Höld zu einem homogenen und kurzweiligen Ganzen in Sketch-ähnlicher Abfolge verbunden. Uraufführung - im Beisein der Autorenschaft - war im neuen Phönix-Theaterraum: im so genannten Studio mit zirka 50 Plätzen, die dem Sitzfleisch die wahre Härte des Sitzens nach wenigen Minuten aufzeigen. Der Raum vermittelt Initimität - zusätzlich aber auch jene einer Sauna-Kabine¼ Sei's drum: Schön ist, dass es im Phönix nun diesen Raum für kleine und feine Produktionen gibt. 

"Bitte Ruhe. ul ur aup s adt" ist auf der Rückwand der von Michaela Mandel mit Ironie gestalteten Bühnenbild-Grässlichkeit - mit 1970er-Jahre-Scheußlichkeiten, wie geblümtem Spannteppich oder Plattencover eines damaligen Rebellen namens Franz Morak - zu lesen. Das lässt sich, je nach Sichtweise und Sympathie interpretieren: Entweder bröckelt da schon was ab von der Kulturhauptstadt oder es fehlt eben noch einiges bis dahin. 

Beginn in diesem Minidramen-Sampler ist mit Margret Kreidls lautmalerischem und assoziativen Text "Schneewittchen und die Stahlkocher". Die vier Bühnenakteure erweisen sich als höchst komödiantisches und wandelbares Quartett. Das Bühnenpaar Ingrid Höller und Helmut Fröhlich ist in seiner professionellen Vollblutkomödiantik einfach umwerfend. Neu im Ensemble und wahrlich erfreulicher Zugewinn für das Phönix-Darstellerteam sind Matthias Hack und Margot Binder. 

Die Autorenschaft hat die vielen Gesichter und Etiketten von Linz zu Papier gebracht: die Erlebnis-, Arbeiter-, Einkaufs-, Führer-, Neue Medien,-und Kulturstadt. Entstanden ist eine literarisch und inhaltlich naturgemäß unterschiedliche Linz-Typologie in vielschichtigen Bildern und Szenen, umgesetzt wie eine kabarettistische Nummern-Revue. 

In "Linz Talk live" lässt Elisabeth Vera Rathenböck die alte Dame Linz live in einer "anschlussfähigen Sendung" auftreten. Andreas Jungwirth beobachtet in "Volksgarten" den Schwulenstrich und zugleich die Musiktheater-Diskussion (ja doch, das passt schon zusammen!). 

"Teim" von Volker Schmidt lässt ein Drogenrauschpaar der 70er-Jahre in Mundl-Manier auf sich selbst in der Jetztzeit treffen. Rudolf Habringer sinniert via einer Tortenbäckerdynastie über echte Linzer und "Zugroaste" in seiner Farcekantate "Linzer Torte". 

Satire und Liebe 

Schön gelöst ist die Sequenz mit den Texten von Gerlinde Obermeir, der ohne Aktion, ganz schlicht und deshalb ergreifend von den Schauspielern vorgetragen wird. 

Ein unterhaltsamer Abend über die alte Dame Linz, der in dieser eineinhalb Stunden dauernden Produktion neben der Satire auch viel Liebe entgegengebracht wird. 

Dank an die Dramaturgie für das Programmheft, in dem sämtliche Texte zum Nachlesen abgedruckt sind.

Theatralische Linz-Anthologie

Milli Hornegger, Krone, 04.11.2004

"6 and the City" als sehenswerter Kosmos im Theater Phönix

Wunderbar! Es gibt wieder eine (künstlerische) Auseinandersetzung mit dieser (Landeshaupt-)Stadt - und sie findet ab sofort im Linzer Theater Phönix statt. "6 and the city" vereint sechs Autoren und Autorinnen und ihre urbanen Minidramen zu einem höchst lebendingen, anschauenswerten, unterhaltsamen Sitten-Kosmos über diese "Kulturführerstahlhauptstadt".

"6 and the city" ist die Eröffnungsinszenierung des neuen Phönix-Studios, das so etwas wie ein Labor für Unterhaltungsexperimente werden soll. Somit ist diese Premiere in zweifacher Hinsicht mehr als geglückt. Die AutorInnen haben so etwas wie eine theatralische Linz-Anthologie komponiert, in der vieles Platz hat: Margret Kreidls rapartige Sprachoper, Elisabeth Vera Rathenböcks theatralische Belangsendung, Volker Schmidts Blick in die Zukunft (oder ist es einer in die Vergangenheit?), Andreas Jungwirths Volksgarten-Kosmos, Rudolf Habringers Linzer Torten-Altlast und schließlich die tagebuchartigen Texte der verstorbenen Linzer Autorin Gerlinde Obermeir: über 20 Jahre jung. Alle sechs leiden sie ein bisschen an dieser Stadt, können aber auch nicht von ihr lassen.

Wunderbar das Ensemble: Margot Binder, Helmut Fröhlich, Ingrid Höller und Matthias Hack schaffen die flotten Perspektiven-Wechsel voller Dynamik und mit ansteckender Spielfreude. Steffen Hölds Regie geleitet umsichtig und detailreich durch die Klippen des Dramen-Samplers. Witzig die Ausstattung von Michaela Mandl, bröckelnde Kulturhautpstadt-Lettern inklusive...

Biedere Gemütlichkeit am Fuß des Pöstlingbergs

Andreas Hutter, Neues Volksblatt, 04.11.2004

Uraufführung von sechs kurzen Dramen-Stücken ebenso vieler Autoren über Linz im Theater Phönix 

"6 and the City" nennt sich, in Anlehnung an die TV-Serie "Sex and the City", dieser "Dramensampler über Linz", für den die Salzburgerin Margret Kreidl (40), der Wiener Volker Schmidt (28), der Desselbrunner Rudolf Habringer (44) sowie die Linzer Elisabeth Vera Rathenböck (38), Gerlinde Obermeir (1942-1984) und Andreas Jungwirth (37) sechs Dramolette beigesteuert haben. Um Sex geht es darin auch, aber nur am Rande. Nimmt man sie als Gradmesser, dann ist die Linzer Dramatik heute vor allem: grell überzeichnend, ins Skurril-Absurde weisend, teils auch wirklich nichtssagend, an Handlung oder Realismus wenig interessiert. 

Thematisch werden so ziemlich alle Klischees, von der "Linzer Torte" bis zum Pöstlingberg, aufs Korn genommen, auch Gestriges (Drogen) und Vorgestriges (Hitler) spielen eine Rolle. Tiefsinnig, witzig, überraschend wird's nur recht gelegentlich. Am besten: "Teim" von Schmidt, der mit seinem ironisch-überdrehten, "Alter" und "Identität" thematisierenden "Sketch" über ein in die Jahre gekommenes Prolo-Drogen-Pärchen beweist, dass sein Jugenddrama "Unter Fischen" 2003 vom Phönix nicht zufällig zum besten "radikalen Volksstück" gekürt wurde. 

All das spielt sich in einem Wohnzimmer (Bühne: Michaela Mandl) ab, um dessen biedere Gemütlichkeit die Zuschauer auf den Stufen des kleinen Phönix -Studios die vier soliden, von Regisseur Steffen Höld geführten Akteure beneiden.