Sujet: Dini Hroß
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Shoppen & Ficken

mit Margot Binder, Stefan Lasko , Gottfried Neuner , Urs Obrecht , Eckart Schönbeck
Regie: Heidelinde Leutgöb
Ausstattung: Renate Schuler
Lichtgestaltung: Gerald Kurowski
Soundtrack: Alexander Jöchtl
Premiere: 03.04.2005 Balkon

Mark, Robbie und Lulu sind ganz Kinder unserer Zeit: Sie konsumieren alles, was sich ihnen in den Weg stellt, geben Geld aus, das sie nicht haben, und glauben mit Shoppen die innere Leere füllen zu können. Als sich Mark entscheidet, aus diesem Kreislauf zwischen Fun und Apathie, zwischen Aufraffen und Scheitern, auszusteigen und sein Leben in Ordnung zu bringen, sich dabei aber in den jungen Gary verliebt, wird das Gefühlschaos perfekt. Beim gemeinsamen Besuch bei Robbie und Lulu, die ihrerseits bis zum Hals in Schwierigkeiten stecken, werden sie in ein Psycho-Spiel verwickelt, aus dem bald tödlicher Ernst wird...

 

Ravenhills provozierendes Porträt der "Generation E(cstasy)" ist "viel mehr als bloß eine Politparabel über die Opfer der schönen, neuen, globalisierten Welt: eine Geiserstunde voller Tempo und präzise ausgefeiltem Witz." (Der Spiegel)

Fotos

Sujet: Dini Hroß
© Christian Herzenberger
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Pressestimmen

Wer zahlt, schafft eben an

Silvia Nagl, OÖN, 05.04.2005

Vor beinahe zehn Jahren war das Stück ein Schocker auf vielen europäischen Bühnen. Seit Sonntag ist es im Linzer Theater Phönix zu sehen: "Shoppen und Ficken" des britischen Autors Mark Ravenhill. 

Wir wissen nicht, woher sie kommen, und was sie in diese Situation getrieben hat. Wir sind nur eineinviertel Stunden Zuseher dieser Tristesse, sind Zeugen, wie junge Menschen nach Anerkennung, Liebe, Zuneigung suchen. "Irgendjemand muss mein Leben regeln" ist ein zentraler Satz, ebenso wie "Ich will jemanden, der auf mich aufpasst". 

Sie sind Verlorene, Entwurzelte, Alleingelassene in einer gar nicht schönen globalisierten Welt des Konsumrausches, in der der Schein das Sein bestimmt. Sie glauben, mit Shoppen, Ficken und Drogen einen Ausweg aus ihrer Orientierungslosigkeit zu finden und ihre innere Leere füllen zu können. Das Stück aber ist intelligenter und tiefschürfender als seine Akteure. 

Mark Ravenhill (geb. 1966) war - mit Sarah Kane und Jim Cartwright - Mitte der 1990er-Jahre einer der jungen Wilden der britischen Theaterlandschaft, die mit Stücken in hyperrealistischer Sprache, mit brutalen Inhalten und No-Future-Gedanken schockierten. 1996 wurde sein Erstling "Shopping and Fucking" uraufgeführt, unzählige Aufführungen an bedeutenden Theaterhäusern folgten. "Wer zahlt, schafft an", sagt der Strichjunge, der mit einem Messer gefickt werden will. Warum? Nein, nach dem Warum wird nicht gefragt. Es werden nur Menschen dargestellt, die mit den Säulenheiligen Kapitalismus und freie Marktwirtschaft aufgewachsen sind. Junge Menschen, die mit der materiellen und geistigen Wegwerfgesellschaft nicht klar kommen. Im Hintergrund auf der Videowand laufen pausenlos die Botschaften der Werbe- und Verkaufssender. Heidelinde Leutgöb inszeniert dieses Stück nicht - wie in den 90er-Jahren üblich - im heruntergekommenen Ambiente, sondern siedelt das Ganze im eleganten Wohnzimmerlook mit Ledercouch (Ausstattung Renate Schuler) an. Und die Protagonisten sind fesch und modisch gewandet. Sie verzichtet auf schockierenden Realismus, auf die Vergewaltigungs- und Brutalosex-Szenen, stellt mit dem Schauspielteam gleichsam eine Soft-Version auf die Bühne. 

So soft aber ist verwirrend, denn die Bühnenfiguren sind allesamt zu höflich, zu nett. Ihnen nimmt man die untereinander gehandhabte Brutalität nicht ab. Es fehlt ihnen das Lauernde, das Bösartige, das Brutale hinter der netten Fassade. Zu sanftmütig agiert das schwule Männer-Trio (Gottfried Neuner, Eckart Schönbeck, Stefan Lackovics). Lulu (Margot Binder) ist die Einzige, die den Irrsinn zu erkennen scheint, ihn aber verdrängen will. 

Urs Obrecht ist väterlicher Typ und zynischer Spielführer, das personifizierte Geldinstitut mit dem Credo "Geld ist Zivilisation". Er weiß, worum es geht: Wer zahlt, schafft an.

Suche nach Sinn im Kaufhaus der Gefühle

Werner Rohrhofer, Neues Volksblatt, 05.04.2005

Premiere von "Shoppen & Ficken" im Linzer Theater Phönix

Wie orientierungslos ist die junge Generation wirklich?

Es war im wahrsten Sinn des Wortes am Sonntag ein "heißer" Abend im Theater Phönix, weil der so genannte "Balkon" zur Bühne umfunktioniert wurde. Für das Stück mit dem provokanten Titel "Shoppen & Ficken" des englischen Autors Mark Ravenhill. Der Titel soll, so will es Ravenhill, die Botschaft sein: Eine junge Generation, aufgewachsen in einer von Markt und Konsum bestimmten Welt, hat keine andere Sinn-Perspektive mehr als "unkomplizierten" Sex, möglichst ohne Gefühle und Bindungen. Beziehung als "Geschäft", als eine Form von "Shopping". Man kauft, was man haben möchte. Kleider, Drogen, Zuwendung. So wie man Fertiggerichte für die Mikrowelle kauft, die zwar nach nichts schmecken, aber ihren Zweck erfüllen. Und dann ist da noch der ältere Herr als Proponent jener Generation, die das "Shoppen" zur Religion gemacht hat. Dass er selbst als Drogenhändler im Geschäft ist, passt ins Bild. Der Schluss von Ravenhills Stück ist das eigentlich Erschütternde. Der Drogenhändler formuliert das Evangelium der Konsumgesellschaft: "Geld ist Zivilisation und Zivilisation ist Geld". Und die Jungen sind glücklich damit. Ob die heutige junge Generation tatsächlich nur an "Shoppen & Ficken" denkt und jede andere Orientierung vermissen lässt, darf bezweifelt werden und ist auf jeden Fal kritikwürdig. Diese Kritik herauszufordern, das ist das Verdienst dieser Produktion. Wobei sich die Phönix-Theatermacher, diesmal in Szene gesetzt von Landestheater-Regisseurin Heidelinde Leutgöb, als eine Mannschaft erwiesen, die zeitgemäße Stücke gekonnt und authentisch umzusetzen versteht.

Keine Fundgrube für Trash-Freaks

Milli Hornegger, Krone, 05.04.2005

H. Leutgöb inszeniert "Shoppen & Ficken" im Linzer Phönix

Endstation "Shoppen & Ficken". Mark Ravenhills noch nicht einmal zehn Jahre alter Erfolgsschocker präsentiert sich in der Version des Linzer Phönix Theaters als beinahe lustloser, hochpolierter "Klassiker" der 90er Jahre. Auch Heidi Leutgöbs Regie konnte dem blutleeren Stoff kaum Leben einhauchen.

Für Trash-Adoranten ist das Stück wahrscheinlich zu banal. Wer sich die Faszination des Abstoßenden erwartet, wird nicht bedient. Für Moralisten lässt sich immer was finden, um den Zeigefinger aufzuspannen - aber eine richtig schonungslose Fundgrube tut sich auch nicht auf. Für Unterhaltungssüchtige ist die Prise Langeweile wohl zu ausreichend dosiert. Bleibt jedenfalls noch Stoff für die Debattierwilligen, die das (nicht mehr ganz) jugendliche Quartett beim orientierungslosen Psychospiel zwischen shoppen und ficken, zwischen Fun und Ekel, begleiten möchten.

Auf der Bühne bewegen sich überwiegend Schablonen, eingehüllt in feines, trendiges Tuch, denen auch die Regie von Heidi Leutgöb kaum dreidimensionales Leben einhaucht. Mark (Gottfried Neuner), Lulu (Margot Binder), Robbie (Eckart Schönbeck) sind in ihrer schönen Oberfläche irgendwie austauschbar. Erst das Auftauchen von Gary (Stefan Laczkovics) bringt frisches Blut in die schöne neue Welt des hirnlosen Konsumierens. Und mit Urs Obrecht gibt es ein Wiedersehen als guter, böser Onkel Brian.

Wunderbar gelöst finde ich die Ausstattung von Renate Schuler, die eine sterile MTV-Wand ins Phönix zauberte: wahlweise bespielbar mit Shopping- oder Pornokanälen.