Sujet: Dini Hroß
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Geschichten aus dem Wiener Wald

mit Klaus Beyer, Helmut Fröhlich , Ingrid Höller , Paul König , Werner Landsgesell , Gottfried Neuner , Sebastian Pass , Martina Schwabenitzky
Regie: Harald Gebhartl
Bühne: Andreas Mathes
Kostüme: Michaela Mandel
Lichtgestaltung: Erich Uiberlacker
Soundtrack: Wolfgang Peidelstein
Premiere: 11.09.2003 Saal

„Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“

Dieses Motto stellt Ödön von Horváth seinem 1931 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführten und meistgespielten Volksstück voran. Marianne, das liebe Mädel aus der Vorstadt, bricht mit allen Konventionen, um mit dem Hallodri Alfred ein neues Leben zu beginnen und scheitert: an der Menschheit, an sich selbst, am Leben. Schonungslos entlarvt Horváth eine Gesellschaft auf der verzweifelt komischen Jagd nach dem vermeintlichen Glück. Der Erfolg des Stückes, für das er im gleichen Jahr den Kleist-Preis erhielt, brachte ihm endgültig den Durchbruch als Dramatiker. 

„In der scheinbar gemütlichen Wiener Welt spielen sich private Tragödien ab, die ihre Ursache in der wirtschaftlichen Misere der Zeit haben: Gefühl und Zuneigung werden zu kitschiger Sentimentalität, Abneigung wird zu Brutalität, Gleichgültigkeit und gegenseitiges Ausnützen bestimmen den Alltag. Der Tod ist ständig nahe. Opfer dieses Geflechts aus Lügen und Hartherzigkeit ist Marianne, eine Frau, die das unbarmherzige Spiel um Geld, Sex und Macht nicht mitspielen will. Ihre Suche nach Freiheit endet im Schein-Happy-End, ihre Fragen nach Gott bleiben ohne Antwort.“

Fotos

Sujet: Dini Hroß
© Christian Herzenberger
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Pressestimmen

Viel verwendet, viel verschwendet

Irene Judmayer, OÖN, 13.09.2003

Harald Gebhartls "Geschichten aus dem Wiener Wald" scheitern an den Akteuren 

Dieser Horváth ist kein Horváth. Soviel ist sicher. Kein Problem. Schließlich befinden wir uns in einer Zeit, deren Theatertradition nicht von der Anbetung der Asche zehrt, sondern vom Wachhalten des Feuers. Sprich: Es ist längst legitim, vorhandene Literatur - egal ob aus dem Sprech- oder Musiktheater - als reines Material für eigene Interpretationen zu verwenden. 

Und genau das macht Regisseur Harald Gebhartl bei seiner Inszenierung von Ödön von Horváths Volksstück "Geschichten aus dem Wiener Wald". Am Donnerstag war Premiere im Linzer Theater Phönix. Gebhartl verwendet also Horváths Realsatire. Als Bau-Material quasi. 

Jene Realsatire über das naive Wiener Mädel Marianne - Tochter des "Zauberkönigs", Verlobte des Fleischhauers Oskar, mit dem Hallodri Alfred Durchgebrannte, Geschwängerte, Sitzengelassene, aus sozialer Tiefe schließlich zu Oskar Zurückgekehrte. 

Gebhartl verwendet die Geschichte, indem er die bigotten, doppelmoraligen, in ihrer Einfachheit hochkomplizierten Figuren Horváths mit Versatzstücken der Comedia dell'Arte durchaus stimmig in die Groteske multipliziert. Indem er mit wilder kabarettistischer Pranke über die Moral noch drüber moralisiert. Indem er Horvaths Pause streicht, Personen in Mehrfach-Darsteller bündelt. Verwendet die Geschichte in Andreas Mathes' Bühnenlandschaft, die wie ein "H" mitten im Theaterraum steht. Ein "H" mit dem künstlichen Charme von Erlebnisgastronomie. Es ist angerichtet. Der Mittelbalken als Donaukanal und Szenenverschlucker. Umflutet vom Soundtrack Wolfgang Peidelsteins, der hinterfotzige Klanginseln zwischen Frühlingsstimmenwalzer und herzhaften Rap legt. Doch Gebhartl verwendet die Geschichte nicht nur. Nein. Er verschwendet sie leider auch. Verschwendet sie und seinen eigenen flirrenden, bizarren Ideenfunkenflug an eine Achtergruppe von Schauspielern, von denen nur drei den Anforderungen der scharfen Charakterstudien wirklich gewachsen sind: Ingrid Höller etwa. Mit einer perfekten Zeichnung der hormondampfenden Trafikantin Valerie. Sebastian Pass auch. Mit einer subtil bis in den kuriosen Seelenschmerz grundelnden Karikatur des Oskar. Helmut Fröhlich. Mit seiner boshaft/geil-dominierten Interpretation der hohlen Mensch-Fassade des "Zauberkönigs". 

Martina Schwabenitzky (Marianne), Werner Landsgesell (Alfred), Paul König (Mutter/Havlitschek/Mister), Klaus Beyer (Großmutter/Erich) und Gottfried Neuner (Insp. Hierlinger) haben ein gemeinsames Manko: Sprachlich jämmerlich unpräzise. Bis in den Dilettantismus. Deswegen als bloß mageres Fazit: Ansatz vielversprechend, Umsetzung schaumgebremst. In unnötiger Schlamperei erstickt.

(Leserbrief) KRITIK AN DER KRITIK

Harald Gebhartl, , 13.09.2003

Liebe Fr. Judmayer. Sie schreiben in ihrer Kritik vom 13.9.03 folgendes: „Geschichten aus dem Wiener Wald scheitern an den Akteuren“, „Gebhartl verschwendet die Geschichte an eine Achtergruppe von Schauspielern“, Schauspieler die „sprachlich jämmerlich unpräzise, bis in den Dilettantismus“ spielen würden und „in unnötiger Schlamperei“ erstickten, das Bühnenbild hätte den „künstlichen Charme von Erlebnisgastronomie“. Dazu muss ich entgegnen: Das Phönix hat ein hochprofessionelles Ensemble, ihre Beschreibung ist unrichtig, berufs- und rufschädigend für professionelle Bühnenkünstler. Berufs- und Rufschädigung sind unangebracht, unnötige Beleidigungen und Schläge unter die Gürtellinie sind überflüssig und helfen keinem. Künstler sind keine Feinde der Kulturjournalisten, im Gegenteil, ohne Künstler würde es keine Kulturjournalisten geben. Es ist die Pflicht des Kulturjournalisten, zu bedenken, was er in der Öffentlichkeit mit Denunziation von Kunstschaffenden anrichten kann, welche Schäden er verursacht. Ein Kulturjournalist der wichtigsten oberösterreichischen Zeitung hat die Aufgabe, seriös Bericht zu erstatten, möglichst neutraler Beobachter zu sein, Fachwissen einzubringen, den Lesern ein Kunstwerk zu vermitteln und nicht auszureden, darüber hinaus nicht in selbstverliebte Formulierungen zu verfallen und weil sie – Fr. Judmayer – vor kurzem Chefin des Kulturressorts geworden sind, tragen sie in diesem Sinne noch mehr Verantwortung als bisher. Und übrigens: Unser Publikum ist nachweislich vom Ensemble unseres Horvaths begeistert, obwohl: vielleicht sind die „Geschichten“ ja doch kein Stück für ein Premierenpublikum, wie die Weltpresse 1948 meinte...

Harald Gebhartl, Künstlerischer Leiter Theater Phönix

Hellsichtigen Sezierblick im Hier und Heute verortet

Birgit Thek, Neues Volksblatt, 13.09.2003

Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" 

am Linzer Theater Phönix

Die großen (Film-)Vorbilder sind übermächtig, und wenn zu Beginn per Radio die Nachricht verkündet wird, dass der kleine Leopold gestorben ist und die Bösartigkeit der Großmutter, die seinen Tod herbeigeführt hat, zur Karikatur verkommt, dann steigen schlimme Befürchtungen auf. Und sie werden in der Verlobungsszene von Marianne und Oskar, die an der "schönen blauen Donau" in der Unterwäsche gefeiert wird, noch bestätigt. Doch zum Glück wird die überstrapazierte "Phönix"-Manier, Theaterfiguren der Übertreibung und Lächerlichkeit preiszugeben, von Harald Gebhartl (Regie) und Michaela Mandel (Kostüme) nicht bis zu Ende exerziert. In dem gelungenen offenen Bühnenraum (Andreas Mathes), der die Akteure mitten ins Publikum stellt, kann sich Horváths unerbittliche Vivisektion des "goldenen Wiener Herzens" als ewig und überall gültige Parabel menschlicher Niedertracht entwickeln. Ob der Falott Alfred (Werner Landsgesell), sein Konkurrent Oskar (Sebastian Pass) oder die mannstolle Valerie (Ingrid Höller), der egoistische "Zauberkönig" (Helmut Fröhlich) oder der schmierige Inspektor (Gottfried Neuner): Sie alle sind nur auf ihren Vorteil bedacht und wollen am großen Kuchen Leben mitnaschen. Der kleinbürgerlichen Enge in all ihren verzweifelten Facetten will auch Marianne entrinnen: Martina Schwabenitzky macht ihre Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Dasein glaubhaft, zeigt sie differenziert nicht nur in der Opferrolle. 

Der erdrückenden "Liebe" Oskars wird sie dennoch nicht entrinnen ...

(Leserbrief) KRITIK AN DER KRITIK

Harald Gebhartl, , 13.09.2003

Horváth im Phönix

Dank an Birgit Thek für die kompetente, sehr positive Kritik an „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Bezug nehmend auf dabei geäußerte Befürchtungen, kann ich beruhigen: Das Phönix hat erstens kein Interesse an zu „Karikaturen verkommenden“ Figuren, zweitens an einer „Phönix-Manier“, Theaterfiguren „der Übertreibung und Lächerlichkeit preiszugeben“. Das Phönix arbeitet seit vielen Jahren an einem eigenen Stil, der mittlerweile auch überregional zur Kenntnis genommen wird. Das Phönix hat ausschließlich Interesse an professioneller, außergewöhnlicher, origineller, künstlerischer Umsetzung von Theaterstoffen, die in ihrer aufgeführten Form menschliches Verhalten ausstellt und zitiert, schließlich dem Publikum eine lehrreiche, unterhaltende Geschichte erzählt.

Harald Gebhartl, Künstlerischer Leiter Theater Phönix

Im naiven Ansatz stecken geblieben

Milli Hornegger, Krone, 13.09.2003

 

Phönix-Theater versucht "Geschichten aus dem Wiener Wald" 

Das Linzer Phönix versucht sich an Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" - und scheitert. Denn Harald Gebhartls Inszenierung entblättert weniger das scheinheilige Spießbürgertum, als vielmehr die Grenzen seines Theaters. Wenn ausgerechnet an den traurigsten Stellen gekichert wird, ist irgendetwas falsch gelaufen... 

Das Gute zuerst: Die ungewöhnliche Bühnen-Konstruktion von Andreas Mathes verheißt grundsätzlich einen spannenden Theaterabend (wenn nur diese kuriosen Fleisch- und Puppen-Türme nicht wären). Dazu ist Ingrid Höllers Valerie in dieser lieblosen Welt gut verankert.

Ja, und jetzt das weniger Gute: Regisseur Harald Gebhartl kommt bei Horváths "tragisch-ironischem Walzertanz" einigermaßen aus dem Takt. Sein "naiver Ansatz" bleibt ebendort stecken und offenbart ein schwächelndes Ensemble: Martina Schwabenitzky als statische Marianne. Am Anfang des Stückes naiv und unglücklich, lässt sie bis zum Finale keinerlei Entwicklung erkennen. Und ist obendrein mit ihrem leisen Stimmchen kaum zu verstehen. Helmut Fröhlich schlittert mit seinem "Zauberkönig" ebenso an seine Grenzen wie der Oskar von Sebastian Pass, in dem kein bisschen Grauen lauert. Werner Landsgesells Alfred soll ein Hallodri sein? Allesamt von der Regie verlassen? Wie die Karikaturen von Mutter und Großmutter und der einem Italowestern entstiegene Hierlinger von Gottfried Neuner? Ziemlich viele Fragen nach knapp zwei Stunden Theater...

(Leserbrief) KRITIK AN DER KRITIK

Harald Gebhartl, , 13.09.2003

Horváth im Phönix

Liebe Fr. Milli Hornegger. In den „Geschichten“ von Horváth im Phönix bleiben – wie sie in ihrer Kritik schreiben - „viele Fragen“ offen. Diesen Schluß meinen sie – wie aus dem Text hervorgeht - negativ. Obwohl auf derselben Kulturseite in einer anderen Rezension steht: „...die Regisseurin hat erreicht was sie wollte...Fragen aufwerfen...“, was so viel heißt wie: man kann ihre negative Kritik auch positiv auffassen (?), möchte ich zur Klärung einiger ihrer Fragen – vielleicht mit „naivem Ansatz“ – beitragen: Auch wenn man mit literaturgeschulten Vorurteilen einen Oskar sehen will, in dem „Grauen lauert“, einen Alfred, der ein „Hallodri“ ist, eine Großmutter oder Mutter, die nicht „wie Karrikaturen“ daherkommen, einen Hierlinger, der keinem „Italowestern enstiegen“ sein soll, ist es im Theater legitim, Figuren von Klischees zu trennen und mit heutigem, weniger traditionellem, vordergründigem Charakter zu versehen, also heutig, maskenhaft, hinterfotzig (wie im richtigen Leben) anzulegen. Auch wenn wir alle unseren Horvath zu kennen glauben, auch dieser Autor darf heute anders interpretiert werden als bisher. Im übrigen: Die Kronen-Zeitung ist ein wichtiges Medium. So gesehen sollte ein Kulturjournalist dieser Zeitung möglichst neutraler Beobachter sein, den Lesern ein Kunstwerk vermitteln und nicht ausreden, sein Fachwissen einsetzen und dabei möglichst vorurteilsfrei bleiben. Künstler sind keine Feinde der Kulturjournalisten, im Gegenteil, ohne den Künstler gäbe es den Kulturjournalisten nicht. Aber vielleicht ist der Horváth als Volksstück ja doch nur „eine Anmassung als Gespensterreigen von Halbtrotteln und Verbrechern“ wie die Wiener Montags-Ausgabe 1948 – anläßlich der österreichischen Erstaufführung - schrieb...

Harald Gebhartl, Künstlerischer Leiter Theater Phönix

 

Horváth-Premiere im Theater Phönix

, APA, 13.09.2003

Mit einer gelungenen Umsetzung von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ eröffnete das Linzer Theater Phönix am Donnerstagabend seine neue Spielzeit. Regisseur Harald Gebhartl abstrahierte das Stück weitgehend vom Lokalkolorit. Der Eindruck für das Publikum: „Wiener Wald“ ist überall. Der Mensch zwischen Abgründigkeit und Sehnsucht muss keineswegs nur ein „goldenes Wiener Herz“ haben. 

Mutig die Bühnen-Konzeption von Andreas Mathes: Der Theaterraum wird aufgebrochen, die Zuseher sitzen rund um das Geschehen, das sich auf verschiedenen Ebenen abspielt. Vor allem entlang eines „multifunktionellen“ Grabens – der unter anderem auch die Donau symbolisiert. Die Schauspieler sind über weite Strecken gezwungen, entlang relativ schmaler Bühnenelemente zu balancieren – ein Bild für den „Abgrund“, an dem sich die Figuren Horváths bewegen.

Die Regie schafft den Mittelweg zwischen Tragik und Komik, lediglich in manchen Szenen geraten die Figuren ein wenig zu sehr zu Karikaturen. Insgesamt aber – trotz der zwei Stunden Dauer ohne Pause – eine temporeiche Inszenierung, die aber nicht auf die notwendigen „langsamen“ und stillen Momente vergisst. Selbst manche revueartige Einlage – Soundtrack Wolfgang Peidelstein – fügt sich organisch in die Gesamtkonzeption. 

Das Phönix-Ensemble erweist sich erneut als Team, das das Wagnis einer modernen Adaption eines „Klassikers“ wie „Geschichten aus dem Wiener Wald“ zu meistern versteht: Klaus Beyer, Helmut Fröhlich, Ingrid Höller, Paul König, Werner Landsgesell, Gottfried Neuner, Sebastian Pass und Martina Schwabenitzky. Michaela Mandel für die Kostüme und Erich Uiberlacker für die Lichtgestaltung tragen ihren Teil zum Gelingen der Produktion bei. Das Publikum dankte mit sichtlicher Begeisterung.