© Stefan Eibelwimmer
zurück

SCHILLER. Aufruhr und Empörung

in einer Fassung von Florian Hirsch und Theater Phönix
mit Martin Brunnemann , Anna Maria Eder , Markus Hamele , Raphaela Möst , Felix Rank , Marion Reiser , Isabella Szendzielorz
Regie: Georg Schmiedleitner
Bühne: Stefan Brandtmayr
Kostüme: Cornelia Kraske
Lichtgestaltung: Nico de Rooij
Live-Musik: Petra Schrenzer
Dramaturgie: Sigrid Blauensteiner
Uraufführung: 28.11.2019
Letzte Vorstellung: 19.01.2020
Aufführungsdauer: ca. 2h 35min; inkl. Pause
Aufführungsort: Saal
Altersempfehlung: ab 16 Jahren

Friedrich Schiller verfasste Balladen, Lyrik, historische und philosophische Schriften, Prosa und fünfzehn Theaterstücke und gilt als der bedeutendste deutsche Dramatiker. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht die Freiheit und die Frage, inwieweit der Mensch zur Freiheit fähig ist. Schiller zeigt seine Figuren aber auch in historischen Kontexten des Aufruhrs, er führt Politik und Psychologie zusammen und lässt so das Wechselspiel von Macht und Ohnmacht sichtbar werden. Mit seinem Theaterdebüt „Die Räuber“ (1782) gelang Schiller ein bedeutender Beitrag zur Weltliteratur, er zog aber auch den Zorn des Herzogs auf sich und entschloss sich bald nach der Uraufführung zur Flucht aus Württemberg. In „SCHILLER. Aufruhr und Empörung“ begegnet Friedrich Schiller seiner literarischen Welt und wird Teil seiner Werke: Er trifft auf eine Räuberbande, träumt von Luise und Ferdinand, begegnet Don Carlos, beobachtet Maria Stuart und Königin Elisabeth, wird in die Welt von Wilhelm Tell gezogen und beginnt eine Verschwörung in Genua.
Georg Schmiedleitners spektakuläre Inszenierung von Friedrich Schillers „Die Räuber“ (1996) ist vielen noch in lebhafter Erinnerung. Der Mitbegründer und langjährige künstlerische Leiter des Theater Phönix inszeniert anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums diese biografische Reise durch Schillers Werke und seinen Gedankenkosmos.

Fotos

Sujet: Stefan Eibelwimmer
v.l.n.r.: Marion Reiser, Martin Brunnemann, Anna Maria Eder, Isabella Szendzielorz, Raphaela Möst, Markus Hamele, Felix Rank© Helmut Walter
vorne: Markus Hamele, hinten v.l.n.r.: Marion Reiser, Raphaela Möst, Isabella Szendzielorz, Martin Brunnemann, Felix Rank© Helmut Walter
Raphaela Möst© Helmut Walter
v.l.n.r.: Marion Reiser, Isabella Szendzielorz, Felix Rank, Martin Brunnemann, Markus Hamele, Raphaela Möst© Helmut Walter
Raphaela Möst© Helmut Walter
Martin Brunnemann, Raphaela Möst© Helmut Walter
v.l.n.r.: Marion Reiser, Anna Maria Eder, Felix Rank, Markus Hamele, Raphaela Möst, Isabella Szendzielorz© Helmut Walter
hinten: Petra Schrenzer, Marion Reiser, vorne: Raphaela Möst© Helmut Walter
v.l.n.r.: Anna Maria Eder, Felix Rank, Petra Schrenzer, Raphaela Möst, Markus Hamele, Marion Reiser© Helmut Walter
Isabella Szendzielorz, Marion Reiser© Helmut Walter
hinten: Petra Schrenzer, Marion Reiser, Felix Rank, Martin Brunnemann, Isabella Szendzielorz, Markus Hamele, vorne: Anna Maria Eder, Raphaela Möst© Helmut Walter

Trailer

Sitzplan

Pressestimmen

Schiller hat uns alle überschätzt

Peter Grubmüller, OÖN, 30.11.2019

Georg Schmiedleitners „Aufruhr und Empörung" ist eine packende Menschheitsexpedition
Friedrich Schiller (1759 - 1805) glaubte, das „Regiment der Vernunft" werde das Begehren der Macht unschädlich machen oder zumindest in Schach halten. Offenbar hat Schiller nicht mit uns, dem Menschen, gerechnet. Nicht mit unserer Gier. Nicht mit unserer Eifersucht.
Der Linzer Theater-Phönix-Mitbegründer Georg Schmiedleitner führt bei seiner Rückkehr zum 30-jährigen Jubiläum ans Haus in der Wiener Straße mit „Aufruhr und Empörung" im besten Sinn einen großgeschriebenen SCHILLER-Zirkus auf, der mit einem grandiosen Ensemble in so packenden wie intensiven zweieinhalb Stunden (mit Pause) die gesamte Fallhöhe ausleuchtet: Das Freiheitsideal des Dichters ist mit uns Deppen nicht zu schaffen, weil wir uns trotz Aufklärung in immer neue Knechtschaften verirren und freiwillig Mauern bauen.
Schmiedleitner und Autor Florian Hirsch fabrizieren aus den Dramen „Die Räuber", „Kabale und Liebe", „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua", „Don Carlos", „Maria Stuart" und „Wilhelm Tell" einen mal eleganter, mal störrischer verwobenen Fleckerlteppich mit gewaltigem Textgebäude darauf. Möbliert mit allerlei Biografischem des Dichters, der so schlüssig wie beeindruckend von einer Frau (Raphaela Most) gespielt wird.
Man würde den Worten gerne mit geschlossenen Augen folgen, aber dann verpasst man die Bilder, die sich Stefan Brandtmayr (Bühne) und Cornelia Kraske (Kostüme) als inhaltliches Trampolin ausgedacht haben. Noch ehe das Publikum in den mit Baumstämmen begrenzten Theaterraum vorgelassen wird, bahnt sich die glücklos hedonistische Lady Milford („Kabale und Liebe") ihren Weg auf Krücken durch die Menge. Marion Reiser ist hier wie als Maria Stuart in beängstigender Bestform. Genauso wie Markus Hamele, der unter anderem die Zweifler an Schillers dichterischer Qualität anführt. Raphaela Möst ordnet mit hüstelnder Gesundheit, Durchlässigkeit und feinem Schwäbisch die Position Schillers in der Meute ein. Isabella Szendzielorz breitet sich als Königin Elisabeth (Maria Stuarts Anklägerin) mächtig unter dem Publikum aus und verhandelt stellvertretend die Sache der vermeintlichen Verschwörerin. Als Vogt Geßler zwingt sie Wilhelm Tell zum berühmten Apfel-Schuss und verwandelt sich stufenlos in Leonore (Fiescos Frau).
Anna Maria Eder pendelt glaubhaft von der liebenden Luise („Kabale und Liebe") zu Tells verzweifeltem Sohn Walter. Und was es mit einem macht, wenn sich Felix Rank und Martin Brunnenmann in den Sitzreihen aufbauen und den Besuchern ihren Hass auf die Welt ins Gesicht schleudern, erlebt man am besten selbst als Publikum.
All das vertieft und interveniert Petra Schrenzer mit beißender bis wummernder Gitarre. Unterfüttert von AfD-Tiraden, Strache-Reden, Trump-Verblüffungen und Thunberg-Plädoyers.
Richtig, das ist viel auf einmal. Aber diese Überforderung ist prächtig. Nur die Pause reißt den Abend aus dem Fluss, auf dem das Publikum rudert, weil dieses Theater mit jedem zu tun hat. Dichter, langer Applaus.
Fazit: Regie und Ensemble verführen das Publikum zu einer entlarvenden Expedition ins Menschenreich.
Ein reicher, feierlicher Theaterabend, den man öfter als einmal wirken lassen kann.

Theater Phönix Linz: Ein Pädagoge namens Schiller

Ronald Pohl, derStandard.at, 29.11.2019

"Schiller. Aufruhr und Empörung" nennt sich eine Szenenfolge, die den blendenden Rhetoriker ins rechte Licht rückt
Schwer zu sagen, ob Friedrich Schiller, der größte aller Menschheitserzieher, auf deutschen Marktplätzen, eingekeilt z.B. zwischen AfD-Rassisten und Pegida-Hetzern, heute eine gute Figur abgäbe. Schillers sehr sympathischer, aber auch ein wenig schmächtiger Wiedergänger ist dieser Tage im Linzer Phönix-Theater leibhaftig zu bewundern. Er trägt rotes Haar und hat, weil ihn permanent der Hafer der Moral sticht, empörungsheiße Wangen. Er ist, um der erfreulichen Wahrheit die Ehre zu geben, eine Frau (Raphaela Möst).
Schiller fungiert in Georg Schmiedleitners groß geschriebener und klug gedachter Revue ("Schiller. Aufruhr und Empörung") als Museumswärter: als eine Art Fremdenführer(in) in eigener Sache. Er rezitiert ein hinreißendes Schwäbisch. Er irrt durch eine Folge von Szenen, allesamt posthum herausgebrochen aus seinem ehrfurchtgebietenden Reclam-Büchermassiv. Der Bogen spannt sich von den wüsten "Räubern" über den wenig geschätzten "Fiesco" hinüber bis zum freiheitspathetischen "Tell".
Skandale schreien zum Himmel
Man ist noch gar nicht im Saal des Phoenix angekommen, da wühlt sich bereits eine Lady Milford (Marion Reiser) mit weißem Fließhaar durch die Menge. Die Verschickung der eigenen Landeskinder durch ihren württembergischen Fürsten: Der Skandal schreit zum Himmel. Eine Stromgitarre (Petra Schrenzer) bohrt die Nerven an. Von Anfang an ist der Abend auf Krawall gebürstet. Und weil gegen die Bande des Karl Moor kein Kraut gewachsen ist, irren die Zuschauer ein bisschen verloren durch einen kahlen Wald aus nackten Stämmen. Ehe sie sich denn doch noch hinsetzen dürfen, um sich auf Schillers Lorbeeren auszuruhen.
Dem jungen Dichter, der anno 1782 noch kein Klassiker ist, sondern ein Jim Morrison, der Fürsten schreckt und sein "tintenklecksendes Säkulum" Mores lehrt, ist kaum zu helfen. Die letale Lungenkrankheit deutet sich bereits angstkeuchend an. Ein bisschen pflichtschuldig handelt Schmiedleitner die nächsten Schlüsselszenen ab. Aber spätestens nach der Pause beginnt der Abend zu fliegen: Das herrliche Räderwerk von Schillers Rhetorik dreht sich unaufhörlich.
Maria Stuart (Marion Reiser) haust wie ein Tier im Käfig, ein animalisches Echo auf Königin Elisabeths royale Erstarrung. Tell (Möst) darf seinen Armbrustschuss in einem Italo-Western wagen. Über allem aber flirren und schwirren die Schiller-Sätze, die es niemals an Beredtheit fehlen lassen. Übrig bleibt eine Klassikerzentrifuge, deren Inhalt mit politischen Tageslosungen gestreckt wird.
Zeit, nach Linz zu kommen, um sich von Schmiedleitners Truppe ästhetisch erziehen zu lassen.

Wilder Ritt mit Friedrich Schiller

Jasmin Gaderer, Kronen Zeitung, 30.11.2019

Georg Schmiedleitner inszeniert im Linzer Theater Phönix:
Ein starkes Stück lieferte Regisseur Georg Schmiedleitner in seiner Theaterheimat Phönix mit „Schiller. Aufruhr und Empörung" ab: Fast drei Stunden destillierte Weltliteratur des großen Dichters forderte das Publikum und passte auch nicht auf die Bühne, sondern schwappte in den Zuschauerraum, auf Gänge und Foyer über. Eine schauspielerische Tour de Force für das Ensemble und vor allem für Hauptdarstellerin Raphaela Möst, die über sich hinauswuchs.
Man wird herumgescheucht, neu platziert, soll stehen, sitzen, auf die Bühne spazieren: Georg Schmiedleitner achtete bei der Premiere seiner Schiller-Inszenierung im Linzer Theater Phönix darauf, dass die Zuseher ständig neue Perspektiven auf das Geschehen bekamen - bewegt sich der Körper, bleibt auch der Geist wach. Und das war nötig, denn „Schiller. Aufruhr und Empörung" ist ein monströses Projekt. Florian Hirsch und das Theater Phönix haben längere Textpassagen aus sechs Schlüsselwerken des Dichterfürsten mit biografischen Gegebenheiten, Briefauszügen sowie aktuellen Zitaten von Greta Thunberg bis Donald Trump zu fast drei fordernden Theaterstunden verschmolzen. Schmiedleitner machte daraus einen wilden Ritt durch den Gedankenkosmos von Friedrich Schiller und spannte damit den Bogen zu aktuellen Geschehnissen.
Denn die titelgebende Empörung, die auch den obrigkeitskritischen Schiller bestimmte, wandelt an einem schmalen Grat entlang, kann Klimakritik genauso gebären wie rechtes Gedankengut. Das alles und noch viel mehr Futter fürs Hirn prasselt in diesem Stück auf die Zuseher ein. Vielleicht hätte man zugunsten des roten Fadens auf ein oder zwei der „Stücke im Stück" verzichten können.
Die Darsteller Martin Brunnenmann, Anna Maria Eder, Markus Hamele, Felix Rank, Marion Reiser und Isabella Szendzielorz schlüpften jeweils in unzählige Rollen, bewiesen aber allesamt Textsicherheit und Wandlungsfähigkeit, wechselten auf der bewaldeten Bühne (Stefan Brandtmayr) binnen kürzester Zeit von Wilhelm Tell zu Maria Stuart (Kostüme: Cornelia Kraske). Nestroy-Preisträgerin Raphaela Möst verausgabte sich als Friedrich Schiller, wütete, zweifelte, hoffte mit Leidenschaft. Sie ist der Anker der Inszenierung, man hing an ihren Lippen bis zum mahnenden Finale.

Sturm und Drang auf Steroide

Andreas Huber, Oberösterreichisches Volksblatt, 30.11.2019

„Schiller. Aufruhr und Empörung" feiert am Phönix die Groteske einer „radikalen Freiheit"
Provokation! Der Aufruhr beginnt schon beim Warten auf den Einlass in den Saal, aus dem lärmende Geräusche ertönen. Das Spiel mit der Aufmerksamkeit, es ist gewagt, wenn man so ins Premierenpublikum schaut ... Er wollte etwas Außergewöhnliches machen für die Rückkehr in sein Linzer Theater Phönix: Regisseur Georg Schmiedleitner - Mitbegründer sowie langjähriger künstlerischer Leiter - lässt zum 30er des Hauses am Donnerstagabend ein dystopisches „Schiller. Aufruhr und Empörung" auf die rund 150 Besucher los. Und aus den staubigen Reclamheften empor steigt niemand Geringerer als Friedrich Schiller höchstpersönlich, grandios gespielt von Raphaela Möst. Jawohl, eine Frau! Und ein Glücksgriff, wie sich im Laufe des Abends herausstellt. Die Bühne, ein Wald ... der Wald der „Räuber", die später gegründet werden. Bevor dem Publikum das bewusst wird, muss es einiges aushalten. Etwa ein Kreuzverhör. In dessen Mitte Schiller, der sich als „Enthusiast der Freiheit" erklären muss. Düster die Vorahnung, was da noch kommen mag. Und es kommt viel, wenn der Dichter ins Dickicht seiner eigenen literarischen Welten gerät und sich zusehends darin verliert. Ergötzen könnte man sich ja alleine schon an der vorgetragenen Wucht seiner Texte. Schließlich wird der arbeitswütige Literat, während er an „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" arbeitet, Zeuge, wie sich die Charaktere seines Werks verselbstständigen.
Erschütternde Abgründe
Hier zeigt das hochpolitische Theater die erschütternden Abgründe der Sprache von Mächtigen und Autoritäten auf. Der stechschritthafte Gleichklang des Ensembles, dem Publikum zugerichtet, schneidet tief und immer lauter werdend ins Fleisch einer jeden Seele. „Ich bin mein Himmel und meine Hölle", schreit Schiller im Wahn. Gänsehaut, Schmiedleitner lässt uns bluten. Sprache kann auch böse sein ... Kaum steckt man noch bis zum Hals in Schillers Werk, findet man sich Sekunden später etwa in der Schauspielprobe am Theater wieder, bei der sich die Mimen über Schillers komplexe Texte beschweren. Nach der Pause - „Maria Stuart" eröffnet den Reigen - verliert sich die beklemmende Handlung in etwas zu sperrige, schwülstige Tiraden. Die Bühnenpräsenz von Möst ist jedoch überwältigend, sichtlich Spaß hat aber auch das restliche Ensemble - allen voran Martin Brunnemann, Anna Maria Eder und Felix Rank. Petra Schrenzer liefert die perfekt dazu abgestimmte Live-Musik. Es bleibt sogar noch Platz für eine Selbstreflexion über die Bedeutung des Theaters: „Kunst ist eine Tochter der Freiheit". Der Übergang zum eher klassisch gehaltenen „Wilhelm Tell" ist dann so fließend, dass man staunt - aber erst Minuten später, wenn man den Erzählkniff durchschaut hat. Eine Reise durch Schillers Welt, Sturm und Drang auf Steroide. Auch wenn einige Episoden weniger gelingen als andere, „schillert" es im Phönix. Am Ende der grotesken Dystopie einer „radikalen Freiheit" verhalten sich schließlich Tyrannen wie Zombies: Sie sind nicht totzukriegen, sie stehen immer wieder auf. Empört euch, gefälligst!