Sujet: Stefan Eibelwimmer
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Else (ohne Fräulein)

von Thomas Arzt nach Arthur Schnitzler
in Kooperation mit SCHÄXPIR Theaterfestival / Land Oberösterreich
mit Henriette Heine , Maria Lisa Huber , Soffi Schweighofer
Regie: Florian Pilz
Bühne: Michaela Mandel
Kostüme: Antje Eisterhuber
Lichtgestaltung: Roland Wagenhuber
Musik: Gilbert Handler
Video: Michaela Mandel
Dramaturgie: Sigrid Blauensteiner
Wiederaufnahme: 22.10.2019
Aufführungsdauer: 1h 15; keine Pause
Aufführungsort: Balkon

Else, 15 Jahre, alleine auf Urlaub, genießt die neugewonnene Freiheit ebenso wie die Annehmlichkeiten des Luxushotels ihrer Tante. „Der Abstand tut dir gut", meint die Mutter – wegen der „Sache": Der Vater hat Geld verspekuliert und steht vor Gericht. Was, wenn er ins Gefängnis muss? Warum sagt ihr keiner die Wahrheit? Sie ist doch kein Kind mehr! Soll sie vor allem den Schein aufrechterhalten, wenn es nach den Eltern geht? Die Freundinnen, in ihren Ferienquartieren in alle Winde verstreut, quatschen mit Nachrichten und Selfies auch noch dazwischen. Gar nicht so leicht, sich dabei einfach mal entspannt in der Sonne zu räkeln. Und dann kommt es zu dieser Bekanntschaft: Ein älterer Herr lädt sie auf einen Drink ein, und Else glaubt, in ihm den Richter ihres Vaters zu erkennen. Lässt sie sich auf einen Sommerflirt mit dem Fremden ein? Ist sie nur Spielball in einem von langer Hand geplanten Szenario? Wie weit muss sie gehen, damit er tut, was sie will?

Angelehnt an Arthur Schnitzlers 1924 erschienen inneren Monolog „Fräulein Else", der sowohl erzählerisch als auch psychologisch als Meisterwerk der Moderne gilt, verortet Thomas Arzt seine Heldin ganz in der Gegenwart. Elses Sichtweise bildet dabei das Zentrum eines mehrstimmigen Gedankenstroms, in dem sich jugendliches Begehren, die Suche nach Anerkennung und Auflehnung gegen gesellschaftliche Konventionen Bahn brechen.

Fotos

Sujet: Stefan Eibelwimmer
© Helmut Walter
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Trailer

Pressestimmen

Elses fulminante Auferstehung

Jasmin Gaderer, Krone, 27.06.2019

Thomas Arzt modernisierte Schnitzler Stoff und brachte ihn auf Phönix-Bühne:

Fast hundert Jahre hat sie nun schon auf dem Buckel – Zeit für Arthur Schnitzerls „Fräulein Else“, das „Fräulein“ endlich loszuwerden. Thomas Arzt entstaubt den Klassiker und bringt „Else (ohne Fräulein)“ im Theater Phönix zu fulminanter Auferstehung. Schauspielkunst vom Feinsten genoss man bei dieser Schäxpir-Uraufführung.

„Fräulein Else“, das ist kunstvoller Monolog, der in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Der oberösterreichische Dramatiker Thomas Arzt hat sich aber getraut, in seiner neuen Version des Klassikers genau damit zu brechen. Er teilte den zerrissenen Charakter der jungen Frau, die in moralischem Dilemma steckt, auch physisch in drei Teile. Lässt drei Else-Darstellerinnen miteinander, gegeneinander, parallel verzweifeln. Eine Naturgewalt ist Henriette Heine als wagemutige, zornige, frühreife Else. Maria Lisa Huber zeigt Elses schüchterne, brave, nach Anerkennung dürstende Seite. Und Sof? Schweighofer bringt Angst und Zweifel in dem 15-jährigen Mädchen zum Vorschein, das auch in der modernen Version entscheiden muss, ob es auf das unmoralische Angebot eines alten Mannes eingeht, um ihrem Vater zu helfen. 

Die clevere Bühne, die Michaela Mandel auf den Balkon des Theater Phönix gezaubert hat, illustriert mit beengten einzelnen Kuben die ausweglose Situation von Else. Florian Pilz inszeniert ein emotionales, intensives Kammerspiel, das dank der Vorlage von Thomas Arzt auch mit unerwartet viel Humor und Situationskomik aufwartet.

„Else (ohne Fräulein)“, das sind 75 Minuten konzentrierte Schauspielkunst vom Feinsten. Geniales Theater, das man nicht verpassen sollte. Schäxpir-Vorstellungen bis 30.6., Phönix-Wiederaufnahme im Herbst

Ein Pflichtstück ab 14 Jahren

Helmut Atteneder, OÖN, 27.06.2019

Facettenreiche Uraufführung von Thomas Arzts „Else“ im Theater Phönix

Der Schlierbacher Autor Thomas Arzt hat sich eine Adaptierung von Schnitzlers Meisterwerk „Fräulein Else“ vorgenommen, die Handlung ins Hier und Heute übertragen. Am Dienstagabend gelangte „Else (ohne Fräulein)" im Linzer Theater Phönix zur Uraufführung.

Arzt gelangt inhaltlich zur folgerichtigen Auffassung, dass heute wie vor knapp 100 Jahren immer noch ein düsteres Sittenbild der Gesellschaft zu zeichnen ist. Heute wie damals werden Autoritätsverhältnisse missbraucht. Mann nimmt sich, Mann bedient sich. Das alles verstärkt um die dämonische Kraft der vorgeblich sozialen Medien. Die 15-jährige Else ist alleine auf Urlaub und trifft dort auf einen Mann, der in ihrer Vorstellung der Richter im Prozess gegen ihren Geld verspekulierenden Vater ist. Else will den Vater retten und tut, was der Richter von ihr verlangt. Nur einmal will er sie sehen. Nackt. Sie tut es. Ein fataler Fehler.

Die Pubertät ist eine Zeit der tausend Gesichter, Thomas Arzt hat dieses Faktum bestens eingefangen, indem er drei Elses auf die Bühne stellt. Sof? Schweighofer, Maria Lisa Huber und Henriette Heine stellen diese innere Zerrissenheit zwischen Selbstzweifel und Naivität sowie Selbstsicherheit und erster sexueller Körperlichkeit perfekt dar. Besonders Heine zeigt ihren Facettenreichtum. Auch sprachmelodisch wurde das Trio von Regisseur Florian Pilz gut abgestimmt. Sehr fein das Bühnenbild mit drei spartanischen Zimmern von Michaela Mandel.

Fazit: Ein Stück ab 14 steht im Programmheft – ein Pflichtstück ab 14 wäre noch treffender.

Die Macht der Männer

Christian Pichler, Neues Volksblatt, 27.06.2019

Schäxpir: Thomas Arzts „Else (ohne Fräulein)“ im Phönix uraufgeführt

Else, 15, verbringt die Ferien in Tante Olgas Hotel. Daheim braut sich Unheil zusammen, Elses Vater soll Geld veruntreut haben, Am Swimmingpool fällt Else ein älterer Mann auf, sie hält ihn für den Richter, der den Fall des Vaters verhandeln soll. Um dem Vater zu helfen, geht Else auf die Avancen des Mannes ein. Bald 100 Jahre alt ist Schnitzlers „Fräulein Else“, eine Monolog-Novelle über Macht und Verführung, Entblößung und Scham. Der Schlierbacher Thomas Arzt hat den Stoff zeitgemäß dramatisiert und vertraut seine „Else (ohne Fräulein)"' wieder dem Linzer Theater Phönix an (2016 „Werthers große Liebe“). Uraufführung dieser „Else“ für Leute ab 14 war am Dienstag beim Schäxpir-Festival, das Publikum nicht einhellig glücklich.

Drei Schauspielerinnen verleihen der Else Gestalt, ihr innerer Konflikt damit verdeutlicht: die Forsche (Henriette Heine), die Vorsichtige (Maria Lisa Huber), die Kindfrau (Soffi Schweighofer). In drei Kabinen (Bühne: Michaela Mandel) leben sie ihre private Fröhlichkeit aus, davor spitzt sich das Drama zu. Heine, Huber und Schweighofer spielen sich am Balkon des Phönix die Seele aus dem Leib, Florian Pilz inszeniert beherzt. Dennoch geht einem diese Else nicht nahe. Tante Olga etwa ist Feministin, schön und gut, aber das wird bloß behauptet, spielt für die Handlung keine Rolle. Im Bemühen um Aktualisierung geht die psychologische Tiefe verloren. Schnitzlers Else war interessanter, im Zwiespalt zwischen Scham und lauernden exhibitionistischen Wünschen.

Männliche Macht, zumal die indirekte des Vaters, bleibt bei Arzt unklar. Klar hingegen die Botschaft: Geld und Macht holen sich, was sie wollen. Fein herausgearbeitet die Zwischenstufen, die Zugeständnisse Elses. Erst trinkt sie den selben Wein wie der „Richter", später lädt er sie auf eine Bootsfahrt ein. Am Ende steht sein Begehren, Else nackt zu sehen. Nie sagt sie das wichtigste Wort: nein. Rasend verbreitet sich Elses Nacktheit über das Internet, ihre letzte Verzweiflungstat wird angedeutet. Der starke Premierenapplaus galt zuvorderst den Schauspielerinnen.